Nicaragua

Auch 2024 ging die Repression in Nicaragua unvermindert weiter. 70 Prozent der Nichtregierungsorganisationen, die es bis 2018 gab, ist inzwischen der Rechtsstatus entzogen worden. Willkürliche Festnahmen und die Verweigerung der Einreise nach Auslandsreisen sind an der Tagesordnung. Betroffen davon sind häufig Menschen, die einfach nur Familienangehörige von Exilierten sind. Im September 2024 wurden wieder 135 politische Gefangene nach Guatemala abgeschoben und ihnen die Staatsbürgerschaft entzogen. In Nicaragua gibt es inzwischen weder eine unabhängige Zivilgesellschaft noch eine unabhängige Presse. Diese Situation hat auch Auswirkungen auf die Arbeit des Ökumenischen Büros. Nachdem im Dezember 2023 auch unserem langjährigen Partner, dem Movimiento Comunal Matagalpa der Rechtsstatus entzogen wurde und die Wiederbelebung einer Vorläuferorganisation keinen Erfolg hatte, haben wir keine direkten Partner*innen mehr in Nicaragua.

Monitoring der politischen Situation

Wir beobachten jedoch die Situation in Nicaragua auch in Zukunft weiter: Das Präsidentenpaar Daniel Ortega und Rosario Murillo setzt zielstrebig seinen Weg in die Familiendiktatur fort. 2024 veranlassten sie dazu eine Verfassungsreform, die die Macht des Präsidenten weiter ausweitet und die augenblickliche Machtverteilung auf das Ehepaar mit der Einführung einer Ko-Präsidentin in den Verfassungsrang erhebt. Nachdem 2024 Humberto Ortega, der inzwischen verstorbene Bruder von Präsident Daniel Ortega, die Regierung kritisiert hatte und dafür unter Hausarrest gestellt wurde, ist auch aus den Reihen des Frente Sandinista kaum noch Kritik zu erwarten.

Probleme werden sich für die Regierung Ortega Murillo in Zukunft aber sicher aus der unveränderten ökonomischen Abhängigkeit von den USA ergeben. Dorthin gehen weiterhin 40 Prozent der nicaraguanischen Exporte und von dort kommen mehr als 80 Prozent der Rücküberweisungen der nicaraguanischen Migrant*innen, die im vergangenen Jahr auf fast 30 Prozent des Bruttoinlandsproduktes gestiegen sind. Der Anfang 2024 in Kraft getretene Freihandelsvertrag mit China hat an dieser Abhängigkeit bisher nichts geändert. Die Politik der neuen US-Regierung von Donald Trump gegenüber Nicaragua ist bis dato noch nicht einzuschätzen, ihre Abschiebungspläne werden aber kaum zu einer Verbesserung im Land führen.

Auseinandersetzung mit der Geschichte der Solidaritätsbewegung

Anfang 2024 traf sich eine Gruppe ehemaliger Brigadeteilnehmenden im Ökubüro, um den Rohschnitt des Films „Ein Traum von Revolution“ von Petra Hoffmann zu sichten und zu diskutieren. Im April konnten wir dann das fertige Werk im übervollen Werkstattkino in München sehen und mit Erika Harzer, die Recherchen und Beratung für den Film übernommen hatte, über die positiven und die problematischen Aspekte der internationalen Solidaritätsbewegung mit der sandinistischen Revolution und vor allem über die heutige Situation und die Perspektiven der Zivilgesellschaft im Exil sprechen. Beim 40jährigen Jubiläum des Ökubüros zeigten wir den Film erneut im Rahmen eines Workshops ehemaliger Brigadist*innen, wobei nun der Fokus mehr auf die Lehren aus dem damaligen Einsatz in Nicaragua und El Salvador für heutiges vielfältiges gesellschaftliches Engagement hierzulande lag .

Ein kritischer  Blick auf alte und auf neue Zeiten: Ehemalige Brigadist*innen sichteten im Ökubüro den Rohschnitt des Films „Ein Traum von Revolution“.
Ein kritischer Blick auf alte und auf neue Zeiten: Ehemalige Brigadist*innen sichteten im Ökubüro den Rohschnitt des Films „Ein Traum von Revolution“.

Landraub für die globale Fleischindustrie

Im Oktober 2024 zeigten wir im Münchner Monopol-Kino den Dokumentarfilm „Patrol – Patrullaje“ und sprachen damit vor allem auch ein jüngeres Publikum an. Wir ergänzten die ebenfalls sehr gut besuchte Vorführung durch ein bewegendes Video-Statement des Regisseurs Camilo de Castro Belli Zum Q&A über die Situation der indigenen Gebiete an der Atlantikküste Nicaraguas konnten wir die zentralamerikanische Journalistin Lucila Campbell Cabrera gewinnen, die in Deutschland im Exil lebt.

Die Erfahrungen mit den Filmdiskussionen und dem Workshop ermutigen uns, auch in der Zukunft punktuell in München immer wieder Veranstaltungen zu Nicaragua anzubieten, damit dieses Land, mit dem das Ökubüro 40 Jahre lang engverbunden war, nicht in Vergessenheit gerät.

Weitere Aktivitäten zu Zentralamerika

Podiumsdiskussion: Transrechte in Zentralamerika

Am 20. November veranstalteten wir zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung und der Hirschfeld-Eddy-Stiftung anlässlich des International Transgender Day of Remembrance eine Online-Podiumsdiskussion zu Transrechten in Zentralamerika. In dieser widmeten wir uns den strukturellen Benachteiligungen, mit denen trans* Personen in Zentralamerika konfrontiert sind. Dafür wurden Expert*innen und Aktivist*innen aus Guatemala, Honduras und El Salvador eingeladen. Mit ihnen diskutierten wir über Diskriminierung, Gewalt und fehlende rechtliche Schutzmaßnahmen sowie die Rolle der internationalen Gemeinschaft, insbesondere Deutschlands, in der Förderung der Menschenrechte und würdiger Lebensbedingungen.

Mitschnitt der Veranstaltung: https://www.youtube.com/watch?v=EpJNZ0ubdg0

Folgen des Ananas-Booms für indigene Territorien in Costa Rica

Costa Rica ist mit über zwei Millionen Tonnen jährlich der weltweit größte Exporteur von Ananas. Viele Plantagen der Tropenfrucht, die überwiegend von großen Konzernen betrieben werden haben erhebliche negative Folgen für die Umwelt und den Zugang zu Land für Kleinbäuer*innen und Indigene, ganz zu schweigen von oftmals miserablen Arbeitsbedingungen auf den Plantagen. Auf Anfrage der honduranischen indigenen Organisation COPINH und von befreundeten Organisationen in Italien unterstützten wir im November 2024 eine von jungen Aktivist*innen ehrenamtlich organisierte und durchgeführte Speakerstour zum Thema des Ananasbooms in Costa Rica logistisch und mit Kontakten. Lesner Figueroa Lázaro, Sprecher des Rates Consejo Ditsö Iríria Ajkönuk Wakpa (CODIAW) der Bribri-Gemeinschaft in Costa Rica schilderte im Rahmen seiner Europareise wie der Konzern Fresh Del Monte Produce im Territorium der Bribri in Salitre vorgeht. Dabei kritisierte er auch die Imageaufwertung, die DelMonte durch die deutsche GIZ erfahren hat. In München nahm Lesner an unserer Dialog-Veranstaltung mit dem indigenen Ältesten, dem Mayor Guillermo Tenorio Vitonas aus Kolumbien als Ko-Referent teil. Zudem führten wir ein Interview mit ihm, das unter dem Titel „Del Monte verletzt die Rechte der Bribri“ im Februar 2025 in der Zeitschrift Lateinamerika-Nachrichten erschien.

Protestaktion gegen Landraub und Ausbeutung durch Ananas-Plantagen in Costa Rica.Wir unterstützten die unabhängige organisierte Rundreise eines Bribri-Aktivisten logistisch.
Protestaktion gegen Landraub und Ausbeutung durch Ananas-Plantagen in Costa Rica.Wir unterstützten die unabhängige organisierte Rundreise eines Bribri-Aktivisten logistisch.

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