Mexiko
Die Wahl von Claudia Sheinbaum zur ersten Präsidentin Mexikos im Jahr 2024 markiert einen historischen Wendepunkt in der politischen Dynamik der Region. In der öffentlichen Debatte steht Sheinbaum für eine progressive soziale Politik der Morena Partei. Letztendlich führt sie jedoch das politische Projekt der „Vierten Transformation“, das vom ehemaligen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador (AMLO) initiiert und vertreten wurde, weiter fort. Diese „Vierte Transformation“ die augenscheinlich eine demokratische und ökonomische Wende im Land antreiben soll, hat bisher weder zu weniger Gewalt, noch zu einer tatsächlichen sozialen und ökonomischen Stabilität der breiten Bevölkerung geführt.
In den Bereichen Menschenrechte, Umwelt und Sicherheit bleibt die Bilanz Mexikos Ende 2024 kritisch. Zu den drängendsten Problemen gehören nach wie vor die hohe Zahl der Verschwundenen und die zahllosen ungelösten Fälle nicht aufgefundener Personen (RNPDNO). Nach Angaben des Zentralregisters sind in Mexiko mehr als 110.000 Personen als vermisst gemeldet. Suchkollektive, die sich zumeist aus Familienangehörigen der Verschwundenen – vor allem Frauen – zusammensetzen, übernehmen weiterhin die Suche, da staatliche Maßnahmen weitgehend fehlen. Dabei sind sie erheblichen Gefahren ausgesetzt. Zwischen 2018 und 2024 wurden mindestens 16 Suchende ermordet. 13 von ihnen sind Frauen, was die Gewalttätigkeit der Täter*innen und Verwundbarkeit der Angehörigen unterstreicht.
Die mediale Aufarbeitung und Darstellung dieser strukturellen Probleme bergen ein enormes Sicherheitsrisiko für Journalist*innen. Mexiko bleibt so eines der gefährlichsten Länder für Journalist*innen in Lateinamerika. Im Jahr 2024 wurden fünf Journalist*innen ermordet, ein Anstieg im Vergleich zum Vorjahr, der insbesondere auf die Verschärfung der Kartellkonflikte nach den Wahlen zurückzuführen ist. Mit einer Straflosigkeit von 80 Prozent ist das Ausbleiben juristischer Konsequenzen nach wie vor die Regel. Dieses Klima der Gewalt und Straflosigkeit führt zu Selbstzensur und Angst unter den Medienschaffenden.
Die Eskalation der Gewalt zeigt sich vor allem im Bundesstaat Chiapas und den seit 2024 verstärkten Angriffen auf zapatistische Gemeinden. Trotz der Angriffe bekräftigt die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) ihren Willen zum Widerstand. Die Situation bleibt jedoch äußerst kritisch, wie die Ermordung des indigenen Menschenrechtsverteidigers Pater Marcelo Pérez im Oktober 2024 zeigt: https://www.oeku-buero.de/nachricht/es-reicht-wir-fordern-gerechtigkeit-fuer-pater-marcelo-perez-perez.html
Trotz Fortschritten im sozialen Bereich ist die Menschenrechts- und Umweltkrise in Mexiko tiefgreifend.

Aus sozial-ökologischer Sicht wurden in Mexiko 60 Regionen als "Regionen des gesundheitlichen und ökologischen Notstands" (RESAs) eingestuft. Grund dafür sind die weitgehend unregulierten Aktivitäten nationaler und transnationaler Unternehmen in sogenannten Industriekorridoren, die meist in der Nähe großer Flüsse liegen und zur Verschmutzung von Flüssen, Feuchtgebieten und Seen beitragen. Der fortschreitende Bau der Megaprojekte „Tren Maya“ und „Interozeanischer Korridor“ im Südsüdosten Mexikos zeigt, wie zunehmende Gewalt gegen indigene und bäuerliche Gemeinschaften, Landraub und Umweltzerstörung die sozio-ökologische Krise des Landes verschärfen, während multinationale Konzerne weiterhin davon profitieren.
Im Einklang mit den Kämpfen von Kollektiven und zivilgesellschaftlichen Organisationen in Mexiko führten wir eine Reihe von Aktivitäten durch, die sich auf diese drei zentralen Aktionsfelder konzentrierten: „Verschwindenlassen“, Umweltzerstörung und Wasserverschmutzung sowie Gewalt gegen Journalist*innen.
Deutschland-Rundreise 2024: Berichte aus den Hotspots der industriellen Umweltverseuchung in Mexiko
Um den Kampf der Gemeinden in Tlaxcala und Jalisco zwei der als „Regionen des gesundheitlichen und ökologischen Notstands“ (auch „Umwelthöllen“ genannt) klassifizierten Gebiete sichtbar zu machen, organisierte das Ökubüro in Zusammenarbeit mit Mitgliedsorganisationen der Deutschen Menschenrechtskoordination Mexiko und unabhängigen zivilgesellschaftlichen Kollektiven vom 21. Juni bis 5. Juli 2024 die Deutschlandtour „Wasser und Luft schützen, Leben verteidigen“. Die Umwelt- und Menschenrechtsverteidiger*innen Alejandra Méndez Serrano vom Menschenrechtszentrum Fray Julián Garcés (Tlaxcala) und Alan Carmona Gutiérrez vom Kollektiv Un Salto de Vida (El Salto, Jalisco) nahmen daran teil.
Das Programm umfasste Gespräche mit der Zivilgesellschaft und Behörden in Deutschland, Interviews mit Journalist*innen sowie ein Fachseminar zur deutschen Lieferkettengesetzgebung, das über deren Vorteile und Einschränkungen informierte und Weiterbildungszwecken diente.

Auf der Tour durch Berlin, Hannover, Hamburg, Augsburg, München, Bonn, Eichstätt und Bochum wurde ein breites und vielfältiges Publikum erreicht und die Themenschwerpunkte konnten auf vielfältige Weise diskutiert werden. Dadurch wurde eine breite Aufmerksamkeit für die gravierenden Umwelt- und Gesundheitsprobleme durch industrielle Verschmutzung in Mexiko geschaffen. Konkret wurden die Regionen Alto-Atoyac (Tlaxcala und Puebla), der Santiago-Fluss (Jalisco) und der Chapala-See thematisiert, die durch den Betrieb nationaler und internationaler Unternehmen stark belastet sind.
Ein zentrales Ziel der Reise war es, Unterstützungsnetzwerke zwischen der deutschen und mexikanischen Zivilgesellschaft zu schaffen und den Austausch mit staatlichen Institutionen sowie Expert*innen für Umweltfragen und nachhaltige Entwicklung zu fördern. Durch Gespräche mit Vertreter*innen deutscher Unternehmen wurde zudem der Zusammenhang zwischen industrieller Umweltverschmutzung in Mexiko und internationalen Lieferketten aufgezeigt.
Darüber hinaus wurde die Bedeutung des deutschen Lieferkettengesetzes (in Kraft ab 2023) anhand dokumentierter Fälle beleuchtet. Dies ermöglichte eine Einschätzung sowohl der positiven als auch der problematischen Aspekte der Gesetzgebung im Kontext von Umwelt- und Menschenrechtsverletzungen.
Die Reise war damit ein zentraler Schwerpunkt der Mexiko-Arbeit des vergangenen Jahres, da sie die gravierenden Folgen des Freihandels für Umwelt und Bevölkerung in Mexiko sichtbar und vor allem begreifbar machte. Durch die Auswirkungen der Freihandelsabkommen mit den USA, Kanada und der EU sind in Mexiko so genannte „Industrieparadiese“ entstanden, die gleichzeitig als „Umwelthöllen“ bezeichnet werden. Da diese Realität für Menschen in Deutschland oft sehr fern und abgekoppelt von der eigenen Realität erscheint, war es umso wichtiger, dass die Vertreter*innen aus Mexiko persönlich von dieser Realität berichten und Bezüge zu Deutschland herstellen konnten.
Die hohe Umweltbelastung und die Zerstörung intakter Ökosysteme haben neben den ökologischen Folgen auch hohe gesundheitliche Risiken für die lokale Bevölkerung zur Folge, was zu einer hohen Inzidenz tödlicher Krankheiten im Einzugsgebiet des Alto Atoyac führt. Dies unterstreicht die Dringlichkeit des Handelns und des internationalen Drucks. Die Reise konnte dazu beitragen, aufzuzeigen, wie mangelnde Kontrollen in Mexiko dazu geführt haben, dass multinationale Unternehmen kaum Verantwortung für die verursachten Schäden übernehmen müssen. Die Reise bot daher die Möglichkeit, mit politischem Entscheidungsträger*innen in Deutschland über die Notwendigkeit strengerer internationaler Regeln und Mechanismen wie das Lieferkettengesetz zu sprechen, um Unternehmen zur Verantwortung zu ziehen. Die Tour knüpfte auch an die Karawane #ToxiTourMexico (2019-2020) an, die bereits ähnliche Probleme dokumentiert hat. Durch die erneute Aufmerksamkeit konnten das Bewusstsein weiter geschärft und mögliche Lösungsansätze diskutiert werden.
Workshop in München: Das deutsche Lieferkettengesetz – Herausforderungen und Möglichkeiten am Beispiel Mexikos
Das Seminar, geleitet von Dominique Eckstein, einer Expertin für Menschenrechte, diente als Raum für Dialog und Austausch, um die internationale Zusammenarbeit im Bereich Menschenrechte und Umweltgerechtigkeit zu fördern. Es fokussierte auf das Lieferkettengesetz (LkSG) und dessen Auswirkungen auf den Schutz der Menschenrechte in Mexiko aus der Perspektive der Zivilgesellschaft. Durch die Analyse konkreter Fälle von Menschenrechtsverletzungen in Mexiko wurden zentrale Themen behandelt, wie die Sensibilisierung der Teilnehmer*innen für die prekären Menschenrechtsbedingungen und die Rolle deutscher Unternehmen. Es wurde erläutert, wie betroffene Gemeinden ihre Rechte durch die Beschwerdemechanismen des LkSG einfordern können und welche Herausforderungen sie dabei zu bewältigen haben. Zudem wurden praktische Werkzeuge bereitgestellt, um in Deutschland Druck auf Unternehmen auszuüben, die mit Mexiko Geschäfte machen, und die Einhaltung gesetzlicher Standards zu fordern.
Das Thema war für das Ökubüro besonders wichtig, da es die Auswirkungen deutscher Unternehmen auf die Menschenrechtssituation in Mexiko thematisierte und Maßnahmen zur Verbesserung der Rechenschaftspflicht aufzeigte. Angesichts der engen Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Mexiko war es entscheidend, die Verantwortung deutscher Unternehmen für Menschenrechts- und Umweltverletzungen zu hinterfragen. Das Seminar trug auch dazu bei, die Bedeutung der Umsetzung des Lieferkettengesetzes zu verdeutlichen und zu verstehen, wie die Zivilgesellschaft und Betroffene die Einhaltung des Gesetzes einfordern können. Besonders thematisiert wurden zudem die Risiken für Menschenrechtsverteidiger*innen, die sich in Mexiko gegen Missstände einsetzen.
Konzerte und Kulturveranstaltungen in München
Dank des Projekts Wor(l)d Connects, das vom Kulturreferat der LHM unterstützt wurde, konnte das Münchner Publikum am 12. August ein Programm voller Stimmen und Texte aus Lateinamerika genießen, mit Musik, inspiriert und interpretiert von Musiker*innen aus der Diaspora, aber auch direkt aus den lateinamerikanischen Territorien, wo Musik Teil des vielfältigen Lebenskampfes ist.

Als Special Guest des Theatron Musik Sommers kam Mare Advertencia Lirika, die selbst der indigenen Volksgruppe der Zapoteca angehört und im südmexikanischen Bundesstaat Oaxaca beheimatet ist, aus Mexiko nach München. Sie nutzt ihre Musik als Sprachrohr für politische und gesellschaftlich wichtige Themen. Ihr Fokus liegt dabei auf dem Schicksal der indigenen Bevölkerung Lateinamerikas und den Kämpfen der Frauen. Sie nutzt HipHop pädagogisch, um Jugendlichen die politischen Realitäten in Mexiko aufzuzeigen und eine Verbindung zwischen den Welten und Realitäten herzustellen.
Zusammen mit Mare Advertencia waren die Musiker*innen Cashmere Caramel & Encantada & Chakabella - Latin Fusions aus München Teil des Programms am 23.08.12 im Theatron Musik Sommers.
Ein weiteres Highlight unseres Kulturprogramms 2024 war der Abend „Wor(l)d Connects und Öku-Büro present“ am 5. Juli im KÖSK, mit Audry Funk & DJ Kuto Quilla – Sozialkritisch-feministischer HipHop & Latin Sounds. Dazu traten auf: Omar Musa & Mariel Roberts – Spoken Word Konzert und als Special Guest Waseem. An diesem besonderen Konzertabend traten spannende Künstler*innen aus verschiedenen Teilen der Welt auf, die auf unterschiedliche Weise Diskriminierungserfahrungen gemacht haben und dieses Thema auch in ihrer Musik darstellen. Die Veranstaltung war Teil der Ausstellung „Freistoß 1884“, die sich bis zum 14. Juli im KÖSK mit der Kongo-Konferenz beschäftigte – einem historischen Ereignis, das die Aufteilung Afrikas unter den europäischen Kolonialmächten vorantrieb. Durch die musikalischen Beiträge und Konzerte während der Ausstellung wurden interessante Bezüge zur Geschichte hergestellt und ein Raum für kritische Reflexion im Kontext damaliger gesellschaftlicher Diskussionen geschaffen.
Ein Highlight des Abends war die mexikanische Rapperin, Songwriterin und Aktivistin Audry Funk. Sie lebt in der New Yorker Bronx und war auf internationalen Bühnen vertreten – sei es auf Festivals, in Communities oder als MC und Speakerin bei Konferenzen an Universitäten wie Harvard. Ihre Texte und ihr Engagement machten sie zu einer wichtigen Stimme in der Musikszene und in der Diskussion über soziale Gerechtigkeit.