Kolumbien
Im Jahr 2024 erlebte Kolumbien einen besorgniserregenden Rückschritt im Friedensprozess, insbesondere durch die Reaktivierung des Konflikts und die Blockade der „totalen Friedens“-Programme des Präsidenten. Der Jahresanfang war für uns besonders tragisch: Einige engagierte Aktivist*innen, die wir in den letzten Jahren in Deutschland zu Gast hatten, starben. Andere wurden bedroht oder lebensbedrohlich angegriffen. Die hohe Zahl von Angriffen gegen Menschenrechtsverteidiger*innen prägt das Land weiterhin. Angesichts der verstärkten Aktivitäten bewaffneter Gruppen erhielten wir mehrere Anfragen zu Öffentlichkeitsarbeit und Schutzaktionen.
Während es 2024 beeindruckende symbolische Akte der Wiedergutmachung und der Erinnerungsarbeit gab, berichteten kolumbianische Organisationen von nur geringen Fortschritten im gerichtlichen und forensischen Bereich. Zudem stellten kolumbianische wie auch internationale Medien die Regierung als gescheitert dar, wodurch viele positive Entwicklungen, die im Hintergrund stattfinden, nicht wahrgenommen wurden. Die Herausforderungen bleiben indes vielfältig. Dazu gehören das wachsende Interesse an Wasserstoff, die Reaktivierung von Bergbaukonzessionen und die Kontrolle großer Territorien durch illegale bewaffnete Gruppen, die den Zugang zu bestimmten Regionen erschweren. Einige Gebiete befinden sich außerhalb staatlicher Kontrolle. Eine zunehmende Distanzierung regionaler staatlicher Stellen von der Zentralregierung verschlimmert diese Situation.
Im Jahr 2024 widmeten wir uns entscheidenden Themen, die eng mit indigenen und bäuerlichen Gemeinschaften in Kolumbien verknüpft sind, sowie den verheerenden Auswirkungen der Drogenproduktion. Unser Fokus lag insbesondere auf den Kämpfen um Territorien, die als Ausdruck eines immer brisanteren Konflikts zwischen indigenen Gemeinden und wirtschaftlichen und politischen Eliten betrachtet werden. Diese Auseinandersetzungen sind nicht nur das Ergebnis historischer Ungerechtigkeiten, sondern auch Manifestationen gegenwärtiger Umwelt- und Menschenrechtsverletzungen, die besonders durch Extraktivismus und die Drogenpolitik verschärft werden.
Unsere Aktivitäten im Jahr 2024 beleuchteten unter anderem das Zusammenspiel von indigener Kultur, traditioneller Medizin und gewaltfreiem Widerstand, der sich aus dem berechtigten Streben ergibt, die eigenen Territorien zu verteidigen. Darüber hinaus setzten wir unsere Arbeit in den Bereichen Erinnerungs- und Friedenskultur sowie Empowerment für Aktivist*innen fort.
Indigene Kultur und Territorien
Eines unserer zentralen Themen im Jahr 2024 war die Kultur, die Traditionen und die Medizin der indigenen Gemeinschaften, was eine Fortsetzung unserer Arbeit aus den Vorjahren darstellt und auf Anfrage indigener Führungspersönlichkeiten zu Stande kam. Dies gelang uns durch ständige Zusammenarbeit mit indigenen Vertreter*innen, öffentliche Veranstaltungen sowie mit der weiteren Unterstützung der Kampagne #FreeBruno, die wir auf unserer Plattform #Klimasolidarität.de hosteten.

In ihrem Vortrag erklärte Adriana Walker, dass Europa sehr gute „Heiler*innen“ hatte: „Eure eigenen Heiler*innen, in euren eigenen Gebieten müssen wiederentdeckt werden.“ Nach Fragen zum Zusammenhang von Entwicklung, Umwelt und Bildung wurde die Bedeutung der „Heilung unserer Familie“ betont: „Wir können den Amazonas nicht retten, wenn wir nicht heilen, was hier ist, wenn die Natur hier in Europa austrocknet“, sagte die Referentin, die damit auch auf Umweltaktivismus in Europa Bezug nahm. Eine Teilnehmerin betonte: „Ich denke, es ist sehr wichtig, dass wir über diese Themen nachdenken. Das ist Teil der menschlichen Entwicklung. Wir betrachten Spiritualität als etwas Schamanisches, aber dieses Thema ist auch sehr politisch.“
Schutzaufenthalt des ESI-Programms
Über die Veranstaltungen hinaus unterstützten wir von Mai bis November 2024 ein großes Projekt: den Schutzaufenthalt eines Menschenrechtsverteidigers aus der Region Cauca als Stipendiat der Elisabeth-Selbert-Initiative (ESI) des Instituts für Auslandsbeziehungen. Aufgrund unserer technischen und personellen Kapazitäten konnten wir das Projekt nur administrativ und in der Verwaltung unterstützen, was dennoch eine große Arbeitsbelastung bedeutete. Der Stipendiat konnte politische Aktivitäten durchführen, Interviews mit Medien führen, an Diskussionen und Konferenzen teilnehmen und sich mit NGOs und der kolumbianischen Diaspora austauschen.

Wir setzten auch weiterhin unser spezielles Thema „Auswirkungen der Produktion, der Politik und Kultur der Drogen“ fort. Das Thema wurde einerseits in internen Diskussionen und unserem Radioprogramm En la Línea behandelt. Andererseits beteiligten wir uns mit verschiedenen Gruppen des Nord-Süd-Forums an einer Standaktion beim Puls Festival: „ImPULSe für Globale Gerechtigkeit“. Dort leisteten wir Aufklärungsarbeit zu den Themen Coca und Kokain, Auswirkungen der Drogenproduktion und Drogenkultur. An der Grundschule Geiselhöring führten wir im Juli einen Schulprojekttag zum Thema „Auswirkungen der Drogenproduktion auf Menschen und Natur“ mit 20 Teilnehmenden im Alter von 13 bis 15 Jahren und ihren Lehrkräften durch.
Themen wie Erinnerungsarbeit und staatliche Verbrechen im Bürgerkrieg, wie die sogenannten „Falsos Positivos“ (außergerichtliche Hinrichtungen) setzten sich fort, sowohl durch Gespräche und Treffen mit den „Madres de los Falsos Positivos“, die 2023 auf Tour in Deutschland waren, als auch mit AgroArte, die Ende Juni 2025 nach Deutschland kommen werden. Zudem unterstützten wir eine Filmvorführung und Diskussion zu diesem Thema, die im Mai von der Decolonial Practices Group des Rachel-Carson-Centers der Ludwig-Maximilians-Universität durchgeführt wurden.
Am 7. Juni organisierten wir die Podiumsdiskussion „Why we don’t give up: Für den Schutz der Umwelt ohne Lebensgefahr!“ anlässlich der Verleihung des Amnesty-Menschenrechtspreises 2024 von Amnesty International. Eingeladen wurden Yuly Velázquez (FEDEPESAN) und Iván Madero (CREDHOS) aus der Region Santander sowie Camilo Vargas von Amnesty International Kolumbien.
Zusätzlich berieten wir das ganze Jahr über in mindestens fünf Fällen bezüglich Schutzmaßnahmen oder Asyl. Außerdem koordinierten wir im November einen Workshop für psychosoziale Unterstützung, Selbstfürsorge und Stressabbau als Maßnahme für das Empowerment von Aktivist*innen, darunter auch unser Stipendiat der ESI. Wir unterstützten auch verschiedene Aktionen, Petitionen an die kolumbianische Regierung und Medienkampagnen zugunsten von Menschenrechtsverteidiger*innen.