Honduras

Während Honduras unter der Mitte-links-Regierung von Xiomara Castro 2024 beträchtliche Fortschritte z.B. in der Umweltgesetzgebung machte, war die reale Situation in den indigenen und kleinbäuerlichen Territorien des Landes durch zwei Faktoren gekennzeichnet: die Auswirkungen der Klimakrise und die eskalierende Gewalt zugunsten von extraktivistischen Projekten vor allem auch der Agrar- und Tourismusindustrie. Honduras musste sich im dritten Regierungsjahr von Castro weiter mit den Tentakeln des ehemaligen Narco-Staates auseinandersetzen, die in Einzelfällen auch bis in Partei- und Familienkreise der Regierenden hineinreichen. Zudem scheiterte der Versuch, die Strategie der Harten Hand gegen Bandenkriminalität nach dem Vorbild des autokratischen Präsidenten Nayib Bukele aus dem Nachbarland El Salvador mit Hilfe eines partiellen Ausnahmezustandes teilweise zu kopieren. Das Land geht mit schwachen staatlichen Institutionen, weiter grassierender Straflosigkeit und ohne Schutz für diejenigen, die ihre Lebensgrundlagen verteidigen, in ein mit Sicherheit sehr unruhiges Wahljahr 2025.

Arbeitsschwerpunkt Information & Advocacy

Die Arbeit des Ökubüros zu Zentralamerika konzentrierte sich 2024, was Veranstaltungen betrifft, stark auf El Salvador. Zu Honduras standen nach einer großen Speakerstour Ende 2023 eher Recherchen, Berichte und Netzwerkarbeit im Vordergrund. So verfolgten wir über diverse vor allem US-amerikanische Kanäle der Solidaritätsbewegung weiter den Prozess gegen den ehemaligen Präsidenten Juan Orlando Hernández (JOH) in New York und berichteten im März über das Urteil gegen ihn: https://www.oeku-buero.de/nachricht-506/narco-staat-ex-praesident-von-honduras-in-usa-wegen-drogenhandels-verurteilt.html Für die Zukunft besteht die Befürchtung, dass der neue US-Präsident Donald Trump JOH begnadigen und vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen könnte.

Acht Jahre und neun Monate nach dem Mord an der honduranischen Menschenrechtsaktivistin Berta Cáceres konnten wir Ende November 2024 berichten, dass der Oberste Gerichtshof des Landes die Urteile gegen die Täter und den Mittelsmann, den ehemaligen Geschäftsführer des Energieunternehmens DESA, David Castillo, in letzter Instanz bestätigt hatte: https://www.oeku-buero.de/nachricht-506/honduras-urteile-im-mordfall-berta-caceres-rechtskraeftig.html

„Acht Jahre ohne Berta“.Anfang März 2024 mit den Naturfreunden und dem Kollektiv Cadeho in Berlin: Erinnerung an die antipatriachale, antikapitalistische Aktivistin für indigene Rechte Berta Cáceres.
„Acht Jahre ohne Berta“.Anfang März 2024 mit den Naturfreunden und dem Kollektiv Cadeho in Berlin: Erinnerung an die antipatriachale, antikapitalistische Aktivistin für indigene Rechte Berta Cáceres.

Die mutmaßlichen Auftraggeber des Mordes sind noch nicht gefasst oder von Ermittlungen noch nicht betroffen. Wir werden beobachten und berichten, ob die Einsetzung einer internationalen Expert*innenkomission hier wesentlichen Fortschritte bringen wird.

Mord im Aguán-Tal

Laut Global Witness verzeichnet Lateinamerika weiter die höchste Zahl dokumentierter Morde an Land- und Umweltaktivist*innen. Die systematischen tödlichen Angriffe konzentrieren sich hauptsächlich auf vier Länder, in denen mehr als 70 Prozent der Fälle verzeichnet wurden: Brasilien, Kolumbien, Mexiko und Honduras.

Eine der Regionen von Honduras, in der die Gewalt gegen Verteidiger*innen von Umwelt- und Territorien aufgrund wirtschaftlicher Interessen und des ungehinderten Operierens des organisierten Verbrechens in den letzten Jahren besonders eskaliert, ist das Aguán-Tal in Honduras.

Seit Jahren war der Widerstand gegen Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden durch Eisenerz-Projekte des Unternehmer-Ehepaars Lenir Pérez und Ana Facussé im Fall Guapinol eines der Schwerpunktthemen unserer Honduras-Arbeit. Immer wieder mussten wir auch von Morden an Aktivist*innen berichten. Im September schockierte uns der Mord an Juan López, Stadtrat, Umweltaktivist und katholischer Laienprediger aus Tocoa. Wir versuchten, hierzulande kaum bekannte Hintergründe dieser Tat einer deutschsprachigen Leser*innenschaft nahezubringen:

https://www.oeku-buero.de/nachricht-506/umweltschuetzer-und-laienprediger-in-honduras-erschossen.html

https://www.oeku-buero.de/nachricht-506/honduras-festnahmen-im-mordfall-juan-lopez.html

Unsere langjährige Advocacy-Arbeit zum Fall Guapinol trug Früchte, indem drei Abgeordnete des Deutschen Bundestags in einem Offenen Brief an die honduranische Staatsanwaltschaft und die Regierung Ermittlungen auch der Auftraggeber des Mordes und effektiven Schutz für die Menschenrechtsverteidiger*innen in der Region forderten: https://maxlucks.de/offener-brief-an-die-regierung-von-honduras/

Palmöl-Lieferketten im Fokus

Honduras gehört zu den wichtigsten Palmölproduzenten weltweit und befindet sich unter den zehn wichtigsten Lieferanten von Palmöl in Deutschland. Im Aguán-Tal liegen die größten Anbauflächen für Ölpalm-Monokulturen in Honduras. Sie werden von drei großen Palmöl-Konzernen dominiert. 2024 erschienen im Palmölreport der Initiative Romero aus Münster https://www.ci-romero.de/produkt/report-im-schatten-der-oelpalme/ die Ergebnisse unserer gemeinsamen Recherche mit dem FDCL in Berlin dazu.

Im Fokus der Kritik wegen schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen steht seit Jahrzehnten ein Unternehmen der Familie Facussé: Corporación DINANT. Im Februar 2022 vereinbarten kleinbäuerliche Organisationen und Kooperativen aus dem Aguán-Tal eine Kommission Aufklärung der Menschenrechtsverletzungen in ihrer Region und die Rückgabe von Konzernen wie DINANT beanspruchten und besetzten Agrarreform-Landes. Als in der zweiten Hälfte 2024 die Konstituierung der Kommission in greifbare Nähe rückte, nahmen Diskreditierung, Überwachung, Einschüchterung, Bedrohung, Ermordung und Vertreibung gegen die Kooperativen in der Nähe einer Ölmühle von DINANT sprunghaft zu. Die Betroffenen haben zahlreiche Indizien dafür gesammelt, dass kriminelle Gruppen im Bündnis mit privaten Sicherheitsdiensten des Palmölunternehmens für die Angriffe und Vertreibungen verantwortlich sind. Wir reagierten 2024/25 mit der Beteiligung an verschiedenen Eilaktionen und wiederholten Bitten auch an die deutsche Politik sich für den Schutz der betroffenen Organisationen und Kooperativen einzusetzen und unterzeichneten einen Offenen Brief der Initiative Romero an internationale und deutsche Unternehmen, kein Palmöl von DINANT mehr zu beziehen.

Immer noch keine Aufklärung des Verbrechens: Solidaritätsaktion für die vier 2020 gewaltsam verschleppten Garifuna-Landverteidiger und die Organisation OFRANEH
Immer noch keine Aufklärung des Verbrechens: Solidaritätsaktion für die vier 2020 gewaltsam verschleppten Garifuna-Landverteidiger und die Organisation OFRANEH

Workshop beim Münchner Klimacamp

Wir sind kontinuierlich in Kontakt mit der afroindigenen Organisation OFRANEH an der Karibikküste von Honduras, berichten über deren Kämpfe um ihre angestammten Gemeindeterritorien (z.B. 2024 https://www.oeku-buero.de/nachricht-506/garifuna-in-honduras-fordern-angestammtes-land-zurueck.html) und die Aufklärung des gewaltsamen Verschwindenlassens von vier Garífuna-Aktivisten aus der Gemeinde Triunfo de la Cruz.

Indigene und Fischergemeinden an den Küsten von Honduras, sind auch durch die Klimaerhitzung mehr denn je in ihrer Existenz gefährdet. Während in dem zentralamerikanischen Land 2024 Waldbrände auf Grund großer Trockenheit auf ein nie gekanntes Rekordniveau anstiegen, gab es erneut enorme Schäden durch Tropenstürme und Überschwemmungen. In einem Workshop unter dem Titel „Landraub, Klimakrise, Widerstand“ berichteten wir im Juni beim von Dauerregen geprägten Klimacamp in München über die Situation der in OFRANEH organisierten Garifuna-Gemeinden in Honduras und die Zusammenhänge mit Entwicklungen und Strukturen hier im Globalen Norden.

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