Erfahrungsberichte
“Die Reise öffnete Türen für einen Dialog”
2024 lud uns das Ökubüro in Abstimmung mit Misereor, der Deutschen Menschenrechtskoordination Mexiko und weiteren Organisationen zu der Rundreise „Wasser und Luft schützen, das Leben verteidigen” ein. Die Rundreise gemeinsam mit Alan Carmona vom Kollektiv Un Salto de Vida aus Jalisco war ein Follow-Up der Toxitour in Mexiko 2019 und in Deutschland 2020, um über die aktuelle Situation von Regionen in Mexiko mit besonders hoher industrieller Verschmutzung und Umweltzerstörung zu informieren. Ich hatte die Gelegenheit, als Leiterin des Zentrums Fray Julián Garcés und im Namen der Gemeinden des Wassereinzugsgebietes des Alto Atoyac-Flusses teilzunehmen. Wir haben uns organisiert, um die ernste Situation anzuprangern, die wir im Hinblick auf die durch industrielle Prozesse verursachte sozioökologische Zerstörung erleben.

102 toxische Verbindungen
Für mich war es sehr wichtig, in Deutschland Informationen bekannt zu machen, die von Dr. Omar Arellano von der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM) zusammengestellt und analysiert wurden. Danach sind in der Region in den Flüssen Atoyac und Zahuapan und ihren Nebenflüssen 102 toxische Verbindungen gefunden worden, sowohl im Wasser als auch in Form flüchtiger organischer Verbindungen (VOC) in der Luft. Unter diesen Elementen wurden mindestens 18 umweltschädliche Verbindungen und Moleküle identifiziert, die mit den Prozessen der Automobilindustrie in Verbindung gebracht werden, vor allem: Zink, Nickel, Mangan, Blei, Kupfer, Chrom, Quecksilber, Arsen, Trimethylbenzol, Benzol, Toluol, Ethylbenzol, Xylole, Nitrate, Fette und Öle.
Die Tatsache, dass die Menschen diesen Stoffen über lange Zeit ausgesetzt sind, hat gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit. Diese äußern sich in chronischen Krankheiten wie neurologischen Schäden, Entwicklungsverzögerungen, Reproduktions-, hämatologischen, Nieren- und endokrinen Schäden sowie Krebs. Der Wissenschaftler Samuel Rosado Zaidi hat offizielle Informationen des Nationalen Instituts für Statistik, Geografie und Informatik über die Region analysiert und herausgefunden, dass zwischen 2015 und 2019 alle zweieinhalb Stunden eine Person im Oberen Atoyac-Becken an diesen Krankheiten gestorben ist.
Vom Erstaunen zur Aktion
Die herzliche, brüderliche und schwesterliche Gastfreundschaft, die Bereitschaft, Offenheit, Solidarität, Sensibilität, mit der auf unserer Speakerstour Diskussionen geführt wurden, hat das Engagement unserer Gemeinschaften gestärkt. Wir erlebten, dass die Menschen zu und mit denen wir sprachen, sehr verwundert waren, als sie von den schweren Verwüstungen in unseren Regionen hörten. Sie waren ihnen völlig unbekannt, da die gleichen Unternehmen in ihrem Land als saubere Unternehmen gelten. Es blieb aber nicht allein beim Erstaunen: Nachdem sie unser Zeugnis gehört hatten, boten uns viele Personen an, Aktionen durchzuführen, um anzuprangern und zu fordern, dass ihre Unternehmen unser Territorium respektieren.
Die Reise öffnete uns auch Türen zum Dialog mit der Deutschen Regierung, die ihre Besorgnis über die Situation zum Ausdruck brachte und zusagte, die Situation von ihrer Botschaft in Mexiko aus zu verfolgen.
Darüber hinaus konnten wir auf die ernste Situation des Frauen- und Mädchenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung im mexikanischen Bundesstaat Tlaxcala aufmerksam machen, der nationale und internationale Auswirkungen hat. Im Laufe der Geschichte war dieses Problem immer eng mit den Industrialisierungsprozessen verbunden.
Das Weben von Netzwerken gibt uns Hoffnung. Es stärkt unsere Organisation und unsere Fähigkeit, die ernste Situation, in der wir in unserem Gebiet leben, bekannt zu machen.
Es gibt keine soziale Gerechtigkeit ohne Umweltgerechtigkeit!
Alejandra Méndez Serrano
Menschenrechtszentrum Fray Julián Garcés
(Tlaxcala, Mexiko)
Neue Bündnisse aus Vertrauen und Respekt
Diese kilometerlange Reise durch Deutschland, von einem Ende zum anderen, war in vielerlei Hinsicht eine bereichernde Erfahrung. Als individuelle Erfahrung ist das Privileg, an Orte zu reisen, die völlig anders sind als die gewohnten, immer eine bereichernd. Sie ermöglicht es, seinen Horizont zu erweitern und andere Lebensweisen, Denkweisen und Lebensgewohnheiten kennenzulernen, von denen man immer etwas Wichtiges lernen kann.
Diese Reise ging nicht nur auf eine Einladung des Ökumenischen Büros für Frieden und Gerechtigkeit in München und der Deutschen Menschenrechtskoordination Mexiko zurück, sondern auch auf einen Auftrag, der einem kollektiven Bedürfnis entspricht, nämlich unsere Verbindungen und unsere Beziehungen des Vertrauens und der Bündnisse zu erweitern, die über die utilitaristischen Beziehungen der Entwicklungszusammenarbeit und die ideologische Starrheit des traditionellen Internationalismus hinausgehen.
Europa aus der Perspektive gemeinsamer Kämpfe
Wenn wir Europa nicht nur von seinem privilegierten Platz auf globaler Ebene aus betrachten, sondern auch von seiner Wut und seinem Kampf für eine gerechtere Welt, können wir uns in einem gemeinsamen Engagement gegen die kapitalistische Zerstörung sehen, die europäische transnationale Unternehmen in Mexiko fördern, insbesondere in der Region, in der ich lebe, dem oberen Einzugsgebiet des Río Grande de Santiago.
Es war von unschätzbarem Wert, die Möglichkeiten und auch die Grenzen der internationalen Politik in Bezug auf Unternehmen und Menschenrechte kennenzulernen, sowie etwas über die Kämpfe zu erfahren, die namhafte Organisationen geführt haben, um Mechanismen in diesem Bereich zu schaffen, umzusetzen und zu stärken. Ich nehme nicht nur gute Erinnerungen, Kontakte und Netzwerke aus Deutschland mit, sondern auch neue Bündnisse, die aus Vertrauen, Respekt und gegenseitiger Bewunderung entstehen und die Hoffnung auf eine gerechtere Welt nähren.
Alan Carmona Gutiérrez
Un Salto de Vida (El Salto, Jalisco, Mexiko)
Gewissheit, dass es Menschen gibt, die an unserer Seite stehen

Im Oktober 2024 war ich zusammen mit Vidalina Morales Teil einer Rundreise durch Deutschland. Ziel dieser Reise war es, auf die ernste Lage in El Salvador im Bereich der Menschenrechte, die demokratischen Rückschritte, die politische Verfolgung und die hohen Lebenshaltungskosten aufmerksam zu machen. Diese Tour hatte in mehrfacher Hinsicht, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene eine bedeutende Wirkung:
Internationale Sichtbarkeit der Krise in El Salvador
Die Rundreise ermöglichte es, Stimmen aus El Salvadors auf globaler Ebene Gehör zu verschaffen. Besonders in Deutschland – einem Land mit politischem und wirtschaftlichem Einfluss in der Europäischen Union. Durch Treffen mit Parlamentariern, Menschenrechtsorganisationen und Medien konnten die systematischen Menschenrechtsverletzungen, die Schwächung des Rechtsstaates und die prekären Lebensbedingungen der salvadorianischen Bevölkerung aufgezeigt werden.
Internationaler Druck auf die salvadorianische Regierung
Indem die demokratischen Rückschritte und die politische Verfolgung thematisiert wurden, konnte die Rundreise dazu beitragen, das Bewusstsein für die Situation in El Salvador zu schärfen. Durch die Unterstützung von Parlamentariern und Politikern kann zusätzlicher Druck auf die Regierung ausgeübt werden, damit diese Verantwortung für ihr Handeln übernimmt. Deutschland spielt als einflussreiches Mitglied der internationalen Gemeinschaft eine wichtige Rolle und kann in multilateralen Gremien darauf hinwirken, mehr Transparenz und die Einhaltung der Menschenrechte in El Salvador einzufordern.
Stärkung von Solidaritätsnetzwerken
Die Rundreise ermöglichte den Aufbau strategischer Allianzen mit deutschen und internationalen Organisationen, die sich für den Schutz der Menschenrechte einsetzen. Diese Solidaritätsnetzwerke können lokale Organisationen in El Salvador, die unter schwierigen Bedingungen arbeiten, mit technischer, finanzieller und politischer Unterstützung stärken.
Sensibilisierung der deutschen Öffentlichkeit
Durch eine Vielzahl öffentlicher Veranstaltungen, Konferenzen und kultureller Initiativen wurde das Bewusstsein sowohl der deutschen als auch der lateinamerikanischen Diaspora für die Lage in El Salvador geschärft. Dies förderte nicht nur ein besseres Verständnis der aktuellen Entwicklungen, sondern stärkte auch die internationale Solidarität für Gerechtigkeit. Zudem bot die Rundreise eine wichtige Plattform, um Berichte und Zeugenaussagen zu Menschenrechtsverletzungen und Machtmissbrauch in El Salvador vorzustellen. Diese Dokumentationen können als Grundlage für internationale Verfahren dienen, beispielsweise vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte oder den Vereinten Nationen.
Stärkung der zivilgesellschaftlichen Organisationen in El Salvador
Die Rundreise zeigte, dass die zivilgesellschaftlichen Organisationen in El Salvador trotz Repression und interner Einschränkungen in der Lage sind, sich zu organisieren und ihre Stimme auf internationaler Ebene zu erheben. Dies trägt zur Stärkung ihres Widerstands und ihres Kampfes für Gerechtigkeit im eigenen Land bei.
Diese Rundreise erwies sich als ein wirkungsvolles Mittel, um die tiefgreifende Krise in El Salvador ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Sie trug nicht nur dazu bei, Menschenrechtsverletzungen und demokratische Rückschritte auf die internationale Agenda zu setzen, sondern stärkte auch die globalen Netzwerke der Unterstützung und Solidarität. Derartige Initiativen sind essenziell, um die Hoffnung auf eine gerechtere und demokratischere Zukunft in El Salvador zu bewahren. Gleichzeitig verdeutlichen sie, wie wichtig internationale Einflussnahme ist, um nationale Krisen zu bewältigen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.
Eine persönliche Erfahrung
Während meiner Rundreise durch Deutschland hatte ich die Gelegenheit, mich in Frankfurt mit Vertreterinnen und Vertretern von Organisationen zu treffen, die seit Jahrzehnten solidarisch mit El Salvador verbunden sind. Dieses Treffen war zutiefst bewegend und bedeutungsvoll – nicht nur aufgrund des aktuellen Kontextes, sondern auch wegen des aufrichtigen Engagements, das diese Menschen für unser Land zeigen.Wir wurden mit großer Herzlichkeit und Respekt empfangen. Viele der Anwesenden hatten bereits in den schwierigsten Zeiten El Salvadors – während des Bürgerkriegs und in den darauffolgenden Jahren – an Kooperations- und Unterstützungsprojekten mitgewirkt. Ihre Gesichter spiegelten eine Mischung aus Besorgnis und Hoffnung wider, als sie von den aktuellen Herausforderungen in unserem Land hörten: wirtschaftliche, politische und soziale Rückschritte, die das Leben vieler Menschen massiv belasten.
In meinem Redebeitrag schilderte ich die harte Realität, die wir derzeit erleben: steigende Armut, wachsende Ungleichheit, mangelnde Transparenz in den Institutionen und eine geschwächte Demokratie. Besonders betonte ich, wie diese Krisen die Familien in El Salvador treffen, insbesondere die verletzlichsten. Während ich sprach, konnte ich in ihren Blicken tiefe Empathie und den aufrichtigen Wunsch erkennen, unsere Situation noch besser zu verstehen.
Das Treffen endete mit einem erneuerten Engagement für Zusammenarbeit. Wir diskutierten konkrete Maßnahmen, darunter Sensibilisierungskampagnen, internationalen Druck und gemeinschaftliche Unterstützungsprojekte. Ich verließ die Zusammenkunft mit tiefer Dankbarkeit und der Gewissheit, dass wir in unserem Kampf nicht allein sind – dass es Menschen gibt, die bereit sind, an unserer Seite zu stehen.
Dieser Tag in Frankfurt war nicht nur eine Gelegenheit, die schwierige Lage El Salvadors zu thematisieren, sondern auch eine kraftvolle Erinnerung daran, wie entscheidend internationale Solidarität ist. Ich nahm die Hoffnung mit, dass wir gemeinsam an einer besseren Zukunft für unser Land arbeiten können.
Marisela Ramírez
Bloque de Resistencia y Rebeldía Popular (San Salvador, El Salvador)
