Editorial
Das Jahr 2024 war für das Ökumenische Büro für Frieden und Gerechtigkeit e.V. ein besonderes: Mit unserem 40-jährigen Jubiläum blickten wir nicht nur auf vier Jahrzehnte solidarischer Arbeit mit Basisorganisationen in Lateinamerika zurück, sondern stellten zugleich entscheidende Weichen für die Zukunft.
Im Rahmen der Jubiläumsfeier reflektierten ehemalige „brigadistas“ und Gäst*innen aus Mexiko über ihre Erfahrungen aus der Brigaden-Arbeit in Nicaragua und El Salvador und die Bedeutung der internationaler Solidarität heute. Diese Rückschau auf unser Engagement war nicht nur ein Moment des Feierns, sondern auch der kritischen Reflexion: Was haben wir erreicht? Wo stehen wir heute? Und wie können wir unsere Arbeit nachhaltig sichern?

Ein zentrales Thema, das uns über das Jahr hinausbegleiten wird, ist der anstehende Generationswechsel. Nach vier Jahrzehnten engagierter Arbeit braucht das Ökubüro junge Menschen mit neuen Ideen, um die bestehenden Strukturen zu erhalten und weiterzuentwickeln. Seit September 2024 gestalten wir diesen Übergang aktiv: Aufgaben und Verantwortung werden sukzessive an neue Mitarbeiter*innen übergeben, während zugleich eine strukturelle Neuausrichtung erfolgt. Dabei ist es uns wichtig, nicht nur Wissen und Netzwerke weiterzugeben, sondern auch unsere Werte zu bewahren und gleichzeitig an die veränderten Herausforderungen anzupassen.
Alice Wiesholler ist seit September 2024 neu im Team und wird im Laufe des Jahres 2025 die Mexikoarbeit des Büros übernehmen, während sich Patricia Rendón dem Arbeitsschwerpunkt Kolumbien widmen wird. Wir bedanken uns schon hier vorab und nächstes Jahr dann nochmals sehr sehr herzlich bei Alejandro Pacheco, der die Kolumbienarbeit des Ökubüros über viele Jahre aufgebaut hat, und nun den weiten Weg von Niederbayern nach München samt Bahnchaos nicht mehr auf sich nehmen wird und das Büro leider Mitte 2025 verlässt. Antonia Rodríguez wechselt ab April 2025 von ihrem bisherigen Minijob zu El Salvador auf die Zentralamerikastelle des Büros und wird dabei punktuell noch von Andrea Lammers im Minijob unterstützt.

Mit dem Generationswechsel ergeben sich auch neue Chancen für unsere Arbeitsweise. In den vergangenen Monaten haben wir analysiert, wie wir unsere Themen nachhaltiger und länderübergreifender verknüpfen können. 2025 wird daher eine Übergangsphase, in der wir neue Formate erproben und stärker thematisch zusammenarbeiten, ohne unsere bewährten Länderschwerpunkte aufzugeben. Zudem möchten wir die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen intensivieren und neue Wege der inhaltlichen Mitgestaltung eröffnen.
Das Jahr 2024 war für viele Länder Lateinamerikas von politischen, sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen geprägt. In Kolumbien geriet der Friedensprozess ins Stocken. Der Staat verlor in mehreren Regionen zunehmend die Kontrolle, während bewaffnete Gruppen wieder erstarkten und gezielt Menschenrechtsverteidiger*innen angriffen. Gleichzeitig gab es beeindruckende symbolische Akte der Wiedergutmachung und Erinnerungsarbeit, auch wenn juristische Fortschritte nur langsam vorankamen.
In El Salvador bestimmte der seit fast drei Jahren andauernde Ausnahmezustand weiterhin das gesellschaftliche Leben. Willkürliche Verhaftungen, Folter und Todesfälle in staatlichem Gewahrsam sind an der Tagesordnung, während Präsident Nayib Bukele seine autokratische Macht weiter ausbaut. Die Opposition wurde weitgehend ausgeschaltet, und große Infrastrukturprojekte werden ohne Rücksicht auf die Interessen der Bevölkerung durchgesetzt.
Auch Honduras sah sich 2024 mit großen Herausforderungen konfrontiert. Trotz Fortschritten in der Umweltgesetzgebung blieben indigene und kleinbäuerliche Gemeinschaften durch extraktivistische Großprojekte bedroht. Die Regierung von Xiomara Castro versuchte mit einer repressiven Sicherheitsstrategie gegen die Bandenkriminalität vorzugehen, konnte jedoch kaum Erfolge erzielen. Während Teile des „Narcostaates“ weiterbestehen, kämpfen die staatlichen Institutionen mit struktureller Schwäche, während das Land auf ein unruhiges Wahljahr 2025 zusteuert.
In Nicaragua verschärfte sich die Repression weiter. Nichtregierungsorganisationen können nicht mehr arbeiten, unabhängige Medien gibt es nicht mehr, und willkürliche Festnahmen gehören zum Alltag. Die Regierung geht auch gezielt gegen Familienangehörige von Exilierten vor und entzieht weiterhin die Staatsbürgerschaft. Die Situation hat direkte Auswirkungen auf unsere Arbeit, da unsere langjährige Partnerorganisation ihre Rechtspersönlichkeit nun endgültig verloren hat.
Mexiko erlebte mit der Wahl von Claudia Sheinbaum die erste weibliche Präsidentin in der Geschichte des Landes. Doch viele strukturelle Probleme blieben ungelöst: Gewalt, das Verschwinden von über 110.000 Menschen und die Unsicherheit für Menschenrechtsaktivist*innen sind weiterhin drängende Themen. Angehörige von Verschwundenen übernehmen oft selbst die Suche nach ihren Liebsten und setzen sich dabei großen Gefahren aus. Die „Vierte Transformation“, die als gesellschaftlicher Wandel beworben wurde, hat bisher oberflächliche Erfolge, aber keine grundlegenden Verbesserungen für breite Bevölkerungsschichten gebracht.
Der Schwerpunkt in Brasilien lag 2024 auf dem Kampf um Territorien. Umweltzerstörung, indigener Widerstand und die Auswirkungen neokolonialer Strukturen waren zentrale Themen, die auch in unserer Arbeit eine große Rolle spielten. An dieser Stelle möchten wir uns bei unserer Brasilien-Referentin Biancka Arruda Miranda für die engagierte Zusammenarbeit bedanken. Leider kann ihr Minijob 2025 nicht mehr weitergeführt werden. Wir hoffen aber sehr, auch weiterhin Aktivitäten zu Brasilien fortführen zu können.
Die beschriebenen Entwicklungen der Länderschwerpunkte des Ökubüros zeigen, dass autoritäre Strukturen, Gewalt und wirtschaftliche Interessen in vielen Ländern Lateinamerikas die gesellschaftlichen Spielräume weiter einschränken.
Auch hier in Deutschland hat sich das politische Klima im letzten Jahr verändert, was sich an den Rekordzahlen der AfD und einem auch gesellschaftlich wahrnehmbaren, antidemokratischen Klima zeigt. Stärker denn je ist dabei auch hier in Deutschland unsere Präsenz und Positionierung erforderlich. So unterstützen wir seit 2024 die Initiative Offen! und den Kartentausch für geflüchtete Menschen. Es ist uns sehr wichtig zu zeigen, dass trotz der weltweit schwierigen Bedingungen die interkulturelle Zusammenarbeit, die Unterstützung unsere Partnerorganisationen und der Aufbau solidarischer Netzwerke, global und hier vor Ort, ein wichtiger Bestandteil einer vielfältigen und demokratischen Gesellschaft ist.
Wir danken allen, die uns auf diesem Weg begleiten – sei es durch ihr Engagement, ihre Spenden oder ihre ideelle Unterstützung. Gemeinsam wollen wir den Wandel aktiv gestalten und unser Büro für die kommenden Jahrzehnte nachhaltig aufstellen.
Unser Dank gilt auch dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München für die institutionelle Förderung sowie Engagement Global, Brot für die Welt, dem Katholischen Fonds, der Aktion Selbstbesteuerung, dem Netzwerk München, Misereor, der Elisabeth-Selbert Initiative des Instituts für Auslandsbeziehungen, der Missionszentrale der Franziskaner und der Elisabeth-Käsemann-Stiftung für die Projektmittel, die unsere Arbeit 2024 gefördert haben.