Protest gegen der Verleihung des CSR-Preises 2025 der Bundesregierung Kein Nachhaltigkeitspreis für EnBW!
Presseerklärung zur Verleihung des CSR-Preises 2025 der Bundesregierung

_Anlässlich der CSR-Preisverleihung der Bundesregierung am 3. April
2025 kritisieren zivilgesellschaftliche Organisationen die Nominierung
des Energiekonzerns EnBW._
Aachen, Bogotá, Köln, 27. März 2025 │ Am 3. April vergibt die
Bundesregierung ihren jährlichen „Corporate Social
Responsibility“-Preis (CSR-Preis) – unter anderem für vorbildliche
Geschäftspraktiken und den Schutz von Klima und Umwelt. In der
Kategorie „konstruktive Stakeholder-Einbindung“ ist dafür auch EnBW
nominiert. Das Energie-Unternehmen im Besitz von Land und Kommunen aus
Baden-Württemberg verbrennt seit Jahren Steinkohle aus kolumbianischen
Tagebauen. Deren Betreiber, die multinationalen Konzerne Glencore,
Drummond und CNR, sind für eine Vielzahl von Menschenrechtsverletzungen
und Umweltverschmutzung verantwortlich.
„Gemeinden in Kolumbien prangern seit Jahrzehnten an, dass
Kritiker*innen des Steinkohle-Bergbaus immer wieder bedroht und
angegriffen werden. Einige wurden sogar ermordet. Auch Vertreibungen und
Landraub, die Verschmutzung von Luft, Gewässern und Böden,
Trinkwassermangel und massive Gesundheitsschäden wie Krebs und
Atemwegserkrankungen sind im Umfeld aller Tagebaue zu beobachten.
Betroffene Gemeinden beklagen den Verlust ihres kulturellen und
spirituellen Erbes. Zudem sind die Gesundheitsversorgung und der Schutz
der Arbeitsrechte von Minenarbeiter*innen vollkommen unzureichend“,
erklärt die kolumbianische Menschenrechtsorganisation CINEP, die seit
Langem betroffene Gemeinden unterstützt. „Internationale Konzerne wie
EnBW haben diese Schäden ermöglicht, indem sie den Minenbetreibern
ihre schmutzige Kohle abkaufen. Bis heute werden die Unternehmen ihrer
Verantwortung nicht gerecht. Die Jury sollte daher genau überlegen, ob
sie EnBW wirklich für vorbildliche Geschäftspraktiken auszeichnen
will“, so CINEP weiter.
„Dass ausgerechnet EnBW einen Preis für gutes Lieferkettenmanagement
erhalten könnte, ist blanker Hohn für die hunderten indigenen,
afrokolumbianischen und kleinbäuerlichen Gemeinden, die seit
Jahrzehnten unter dem Steinkohleabbau in den Regionen La Guajira und
Cesar leiden. Wir fordern die Unternehmensführung von EnBW auf, endlich
Transparenz herzustellen, ob und wie sie den zahlreichen
Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden nachgegangen ist, ob mit
Betroffenen gesprochen wurde und was EnBW gegen die Vorwürfe
unternommen hat", sagt Johannes Henkel, Kolumbien-Referent bei Misereor.
„EnBW will 2028 aus der Kohleverstromung aussteigen. Es ist dringend
geboten, dass das Unternehmen offenlegt, wie es dazu beitragen will, die
in Kolumbien durch den Kohlebergbau verursachten Schäden
wiedergutzumachen – insbesondere auch mit Blick auf die bevorstehende
Schließung von Steinkohletagebauen“, fordert Tilman Massa,
Co-Geschäftsführer beim Dachverband der Kritischen Aktionär*innen. Im
Gegensatz zu anderen Unternehmen schließt EnBW in seiner Strategie wie
etwa dem „Green Financing Framework“ die Lieferkette nicht in das
Konzept eines „gerechten Übergangs“ beim Kohleausstieg mit ein.
HINTERGRUND
Deutschland hat seit 2004 über 110 Mio. Tonnen Steinkohle aus Kolumbien
importiert, 2024 waren es noch immer 13 Prozent aller Importe (2,9 Mio.
Tonnen). Abgebaut wird die Kohle vor allem durch Glencore im größten
Steinkohle-Tagebau Lateinamerikas Cerrejón im nördlichen Department La
Guajira sowie in mehreren Tagebauen im Departement Cesar durch den
US-Konzern Drummond, das Investoren-Konsortium CNR und die
Glencore-Tochter Prodeco. Neben EnBW kauften zuletzt auch Uniper und
Steag weiter kolumbianische Steinkohle.
Immer wieder berichten betroffene Gemeinden,
Menschenrechtsorganisationen, die Interamerikanische Kommission für
Menschenrechte, die UN und die kolumbianische Wahrheitskommission von
massiven Menschenrechtsverstößen und Umweltschäden durch die
Kohleunternehmen. Kolumbianische Gerichte haben in über 15 Urteilen bis
hin zum Verfassungsgericht viele Vorwürfe bestätigt und
Abhilfe-Maßnahmen angeordnet, die die Kohleproduzenten jedoch bis heute
nicht oder nur mangelhaft umsetzen.
Drummond ist von der Generalstaatsanwaltschaft Kolumbiens angeklagt,
paramilitärische Gruppen finanziert zu haben, die im Jahr 2001 vier
Kohlegewerkschafter ermordeten. Die Gruppen werden zudem für tausende
Morde und zehntausende Vertreibungen in Cesar verantwortlich gemacht.
Glencore-Prodeco wiederum wurde erst im Februar durch das
Verfassungsgericht Kolumbiens verurteilt, weil das Unternehmen Gemeinden
und Vertreter*innen der Zivilgesellschaft bisher nicht wirksam an der
Erarbeitung von Schließungsplänen für seine Minen La Jagua de
Ibírico und Calenturitas beteiligt hat (Urteil T-029 von 2025). Und in
La Guajira stellte das Verfassungsgericht unter anderem fest, dass
Glencore das Konsultationsrecht indigener und afrokolumbianischer
Gemeinden nicht eingehalten (Urteil T-704 von 2016), zwangsumgesiedelte
Gemeinden nicht angemessen entschädigt hat (Urteile T-329 von 2017 und
T-256 von 2015) und mit der Umleitung des Bruno-Flusses zur
Tagebau-Erweiterung massiv Mensch und Umwelt schadet (Urteil SU-698 von
2017).
EnBW hat Steinkohle sowohl von Cerrejón als auch von Drummond bezogen.
Laut Geschäftsbericht EnBWs war Kolumbien 2023 mit 1,1 Millionen
Tonnen mit Abstand das wichtigste Bezugsland. Wie viel Kohle das
Unternehmen in welchem Zeitraum aus welcher Mine bezogen hat, legt EnBW
nicht offen.
Die Presseerklärung tragen: _Action pro Colombia, ask! –
Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien, Bischöfliches Hilfswerk Misereor,
Censat Agua Viva, Centro de Investigación y Educación Popular /
Programa por la Paz (Cinep/PPP), Corporación Colectivo de Abogadxs
José Alvear Restrepo (CCAJAR), Dachverband Kritische Aktionärinnen und
Aktionäre, FIAN Deutschland, Gesellschaft für bedrohte Völker,
Kampagne #FreeBruno, kolko – Menschenrechte für Kolumbien e. V., PAX,
pax christi – Deutsche Sektion e.V., Urgewald._
Kontakt:
▪ Tilman Massa (Dachverband Kritische Aktionär*innen):
dachverband@kritischeaktionaere.de, Tel.: +49 (0)221 599 56 47
▪ Johannes Henkel (Misereor): Tel.: +49 (0)241 442 241
▪ Matthias Schreiber (kolko – Menschenrechte für Kolumbien e. V.):
mail@kolko.net, Tel.: +49 (0)30 42 80 91 07
weitere Informationen:
Misereor, PAX und Urgewald (2019): EnBW-Report on “Buying Coal from
Colombia – Taking stock of 6 years of engagement 2012–2018”
published in July 2019. Comments by MISEREOR, PAX and Urgewald. Online
verfügbar:
https://www.urgewald.org/sites/default/files/Annex%20EnBW%20PAX_urgewald_Misereor.pdf
Factsheet der Deutschen Menschenrechtskoordination Kolumbien, MRKK
(2022): Steinkohle aus Kolumbien. Deutsche Energiesicherheit auf Kosten
von Mensch, Umwelt und Klima in den Abbauregionen? Online verfügbar:
https://www.kolko.net/wp-content/uploads/2022/10/MRKK_2022-10_factsheet_Kolumbien_Steinkohle_WEB.pdf
Censat Agua Viva und Cinep (2023): Does Cerrejón always win? Between
corporate impunity for human rights violations and the search for
comprehensive reparation in times of transition. Online verfügbar:
https://censat.org/wp-content/uploads/2023/11/Informe-Cerrejon-Ingles-Final.pdf