Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt“

Zuhören und Selbstbemächtigung

[Brigitte Hauschild] Als ich eingeladen wurde, über das Thema „Zuhören und Macht“ einen Artikel zu schreiben, habe ich mich an meine eigene Geschichte erinnert und daran, welche Bedeutung für mich das Zuhören inzwischen im Leben gewonnen hat. Und wie von selbst führen diese Reflektionen und das Erinnern zu „Aguas Bravas Nicaragua“.

Gern teile ich mit den Leserinnen und Lesern meine Gedanken und meine Geschichte.

Brigitte Hauschild

Wie oft werden wir in unserem Leben eingeladen zuzuhören? Verleiht uns jedes Zuhören Macht? Verleihen wir der zuhörenden Person Macht? Hören wir immer zu, wenn wir dazu eingeladen werden?

Wie oft schweifen unsere Gedanken ab, wenn wir eigentlich aufmerksam zuhören wollen oder sollen? Verstehen wir immer alles so, wie die Sagende oder der Sagende das Gesagte verstanden wissen will, wenn wir zuhören?

Ich kann mich gut an eine Übung erinnern, die ich während meines Studiums gemacht habe: der kontrollierte Dialog. In dieser Übung stellten die meisten von uns fest, dass wir häufig NICHT aufnehmen, was der oder die Sprechende uns mitteilen wollen. Einer der Gründe dafür ist, dass wir schon beim Zuhören interpretieren, deuten, uns eine Meinung bilden, während das Gegenüber mit uns spricht und wir eigentlich eingeladen sind „nur“ zuzuhören und das Gehörte wiederzugeben.

 

Wie oft laden wir andere Menschen ein, UNS zuzuhören? Welche Macht verleihen wir damit dem oder der Zuhörenden? Oder wie viel Macht üben wir mit dem aus, was wir sagen?

 

Die meisten Menschen meiner Generation wurden von Kindesbeinen von den Erwachsenen dazu angehalten, zuzuhören. Das Zuhören als Kind sollte uns gleichzeitig dazu bewegen, das Gehörte auch brav zu befolgen. Hat es uns bemächtigt, hat es uns befähigt?

 

Wie oft werden wir in unserem Leben gezwungen zuzuhören? Verleiht erzwungenes Zuhören uns Zuhörenden Macht?

 

Sehr oft saß ich gelangweilt im Schulunterricht und musste zuhören. Kaum etwas von dem, was ich gezwungen wurde anzuhören, ist mir im Gedächtnis haften geblieben. Wie oft zwingen wir andere Menschen, uns zuzuhören?

Diese Fragen will ich hier NICHT beantworten und auch nicht vertiefend über sie reflektieren, das überlasse ich den Leserinnen und Lesern. Ich will hier über das Zuhören sprechen, das mich „mächtig“, das mich eigenmächtig gemacht hat und das dazu geführt hat, dass es jetzt „Aguas Bravas Nicaragua“ gibt.

 

Es gibt Themen, über die selten gesprochen wird und denen auch kaum jemand zuhören möchte.

Sexuelle Gewalt in der Kindheit ist so ein Thema. Betroffenen fällt es schwer, darüber zu sprechen, weil das Thema entweder mit tiefen emotionalen Schmerzen verbunden ist, oder weil sie die Erinnerungen an den erlebten Missbrauch „begraben“ mussten, um weiterleben zu können.

Nicht betroffene Menschen kommen hingegen selten oder nie auf die Idee, über sexuelle Gewalt in der Kindheit zu sprechen, obwohl es - angesichts der Tatsache, wie verbreitet sie ist -, wahrlich allen Grund gäbe, darüber zu sprechen und insbesondere darüber, wie sie abgeschafft werden könnte. Und wenn nicht betroffene Menschen in die Situation kommen, einer Missbrauchsgeschichte zuhören zu müssen, fällt ihnen das oft genug sehr schwer.

Zuhören ist für Überlebende der verschiedensten Traumata besonders wichtig. Anderen zuhören und angehört werden. Einer der Gründe, warum viele Menschen nicht über ihre erlebten Traumata sprechen können, liegt m. E. darin, dass ihnen unsere Gesellschaft keine Möglichkeiten für das nötige Zuhören anbietet.

 

Meine intensive Erfahrung mit verschiedenen Formen des Zuhörens habe ich gemacht, als ich in einer tiefen Lebenskrise steckte und meine Kindheitsgeschichte aufarbeitete. Diese Krise begann in Nicaragua, und ich fand in Nicaragua Menschen, die mir freiwillig und weniger freiwillig zuhörten. Ich stellte aber fest, dass ich außerdem dringend Frauen brauchte, denen ich zuhören konnte, um Erinnerungen an meine früheste Kindheit aktivieren zu können. In Nicaragua gab es dazu keine Möglichkeit, denn Selbsthilfegruppen speziell für Frauen, die in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erlebt hatten, gab es noch nicht. Ich kehrte nach Deutschland zurück und erfuhr u. a. in meiner Selbsthilfegruppe die heilende Kraft des Zuhörens: ich hörte zu und mir wurde zugehört. Zuhören bedeutete für mich in meinem Prozess der Aufarbeitung, dass ich in meinen Gedanken, die ich aussprach, begleitet wurde und die zu begleiten, denen ich zuhörte. Zuhören bedeutete auch, Puzzleteile einer „vergrabenen“ Vergangenheit freizulegen, die mir ohne das Zuhören nicht zugänglich geworden wären, und die ich dringend brauchte, um aufarbeiten zu können. Zuhören bedeutete, nicht bewertet zu werden und nicht zu bewerten. Zuhören schloss aus, dass das Gesagte gedeutet wurde, und wenn doch, dann nur von der sprechenden Person. Die zuhörende Person begleitete bis dahin, wo eine Deutung möglich war. Zuhören erlaubte, nach und nach Schmerz abzubauen. Zuhören war dringend erforderliche Gegenseitigkeit in dem Prozess der Aufarbeitung unserer Missbrauchsgeschichte. Dadurch, dass jemand zuhörte, verlor der Schmerz an Gewicht und Ausmaß. Und irgendwann blieb in meinem Prozess der Aufarbeitung lediglich eine Realität zurück, die nicht mehr schmerzt, sondern Teil des gelebten Lebens ist und deren Aufarbeitung mir Würde und Kraft verliehen hat. Je mehr Fortschritte ich im Prozess des gegenseitigen Zuhörens (und damit der Aufarbeitung meiner Geschichte) erreichte, um so mehr fühlte ich mich befähigt, meine eigenen Ressourcen und Fähigkeiten zu erkennen und zu nutzen und konnte Verhaltensweisen ablegen, die ich vorher zu meinem Schutz brauchte.

 

Im Frühjahr 2004 kam der Augenblick, wo ich diese neu erworbene „Macht“ teilen wollte. Ich begann, meine Erfahrung mit anderen zu teilen und arbeite seitdem in Berlin in der Frauenselbsthilfe bei „Wildwasser Arbeitsgemeinschaft gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen e.V.“. Ich höre anderen Betroffenen zu, damit auch sie ihre eigenen Ressourcen und Fähigkeiten erkennen und nutzen. Ab 2007 habe ich dann in Nicaragua mit anderen Frauen zusammen den Grundstein für „Aguas Bravas Nicaragua“ gelegt.

 

In Nicaragua gibt es auf Grund der Geschichte und der Lebensbedingungen sehr viele mehrfach traumatisierte Menschen: Krieg, gesundheitliche Unterversorgung, Erdbeben, Hurrikans, alltägliche Gewalt, sexuelle Gewalt, das Leben in extremer Armut und fehlende Bildungsmöglichkeiten haben die Bevölkerung seit Jahrhunderten geprägt. Ereignisse, die Traumata begründen können, lösen sich fast ohne Pause ab.

Für die „gesellschaftsfähigen“ Traumatisierungen wie Erdbeben und Hurrikans fehlt die Zeit, sie aufzuarbeiten, und Traumatisierungen durch sexuelle Gewalt in der Kindheit zum Beispiel sind tabuisiert.

 

Ich war entschlossen, meine gewonnene „Eigenmächtigkeit“ mit Frauen zu teilen, die EINE der erfahrenen Traumatisierungen, den sexuellen Missbrauch in der Kindheit, aufarbeiten wollten. In öffentlichen Veranstaltungen lud ich ab 2004 Nicaraguanerinnen und Nicaraguaner ein, meiner Geschichte zuzuhören und bot an, ihnen zuzuhören. Es ist in Nicaragua nach wie vor viel schwerer als hier, öffentlich über sexuellen Missbrauch zu sprechen, weil das Thema noch viel stärker tabuisiert ist: „In Nicaragua leben wir in einer Gesellschaft, die verleugnet, wie verbreitet der sexuelle Missbrauch in den Familien ist und die das hohe Vorkommen von Inzest leugnet“ (Martha Cabrera in: „Wir leben und überleben in einem vielfach verwundeten Land“, ENVIO No. 249, Dezember 2002) . Es kommt hinzu, dass Inzest durchaus als „traditionelles Recht“ angesehen wird.

Auch Zoilámerica Narváez ist es nicht gelungen, in Nicaragua nachhaltig das Schweigen über dieses Thema zu brechen. Sie hatte 1998 offen über den sexuellen Missbrauch gesprochen, den ihr Adoptivvater Daniel Ortega über viele Jahre an ihr begangen hat und wofür er nie vor Gericht gestellt wurde. Daniel Ortega ist seit 2007 wieder Präsident in Nicaragua.

 

2006 bot ich dann im Frauennetzwerk gegen Gewalt (Red) an, Workshops über die Gründung von Selbsthilfegruppen mit „Wildwasser“-Profil durchzuführen. Etliche Frauen und Frauenzentren äußerten Interesse, und es waren auch sofort Frauen bereit, mit mir die Workshops inhaltlich und methodisch vorzubereiten und durchzuführen.

Den Leitfaden, der in Berlin von den Selbsthilfegruppen benutzt wird, hatte ich bereits auf Spanisch übersetzt und eine Gruppe im RED bot sich an, ihn „zu nicaraguanisieren“. In einer Auflage von 6.000 Stück lag er dann im März 2007 vor: „Todo camino comienza con un primer paso“ (Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt).

 

Im Team mit drei betroffenen Frauen erarbeiteten wir im Februar 2007 die Methodik für die Workshops und führten von März bis August 2007 insgesamt 12 Fortbildungen durch, an denen über 200 Psychologinnen, Sozialarbeiterinnen und andere Beschäftigte aus Frauenzentren und Institutionen teilnahmen. Während der Workshops sprachen wir nicht nur, sondern hörten auch sehr viel zu: viele der teilnehmenden Frauen sprachen in den Workshops zum ersten Mal in ihrem Leben über die sexuelle Gewalt, die sie in ihrer Kindheit erlebt hatten. Zu sprechen und zu erleben, dass ihnen jemand zuhört, wenn sie bis dahin Unaussprechbares berichten, begann, den unsichtbaren Schutzwall aufzuweichen und war für einige von ihnen der erste kleine Schritt auf einem langen Weg der Aufarbeitung. Die Auswertung der Workshops hat u. a. ergeben, dass mindestens 45 % der teilnehmenden Personen sexuelle Gewalt in der Kindheit erlebt und bis dahin noch keinen Rahmen gehabt hatten, wo sie darüber sprechen konnten und ihnen zugehört wurde. Schon im Mai 2007 hat sich dann die erste Selbsthilfegruppe gegründet, die bis heute besteht.

 

Aus den Workshops hat sich Aguas Bravas Nicaragua entwickelt. Für die Frauen, die dort arbeiten, ist der schmerzhafte Weg der Aufarbeitung noch nicht abgeschlossen und es ist bewundernswürdig, dass die Frauen beides gleichzeitig in Angriff nehmen: ihre eigene Geschichte aufarbeiten und andere Frauen einladen, denselben Weg einzuschlagen. Zuhören und angehört werden. Es gibt inzwischen in verschiedenen Regionen Selbsthilfegruppen, und die Frauen von Aguas Bravas reisen nach Ocotal, León, Estelí und andere Städte, um dort Gruppentreffen zu begleiten. Die Idee ist, dass die Gruppen nach mehreren Treffen unbegleitet weitermachen. Die Begleitung ist unterschiedlich lange. Sie hängt sehr von der Zusammensetzung der Gruppe ab und von der Häufigkeit, mit der die Frauen sich treffen können.

Aus der 1. Selbsthilfegruppe sind Frauen hervorgegangen, die inzwischen andere Gruppen begleiten.

 

Aguas Bravas Nicaragua ist innerhalb sehr kurzer Zeit zu einer wichtigen Anlaufstelle geworden und die Frauen, die dort arbeiten, können den Anforderungen oft gar nicht gerecht werden.

 

Aguas Bravas ist auch Mitbegründerin vom Movimiento contra el Abuso Sexual (MCAS), der „Bewegung gegen sexuelle Gewalt“. Die Bildung dieser Bewegung beruht auf der Initiative einer Gruppe junger Männer, die jahrelang von einem italienischen Priester sexuell missbraucht worden waren. Er wurde im Mai 2007 in Italien zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. In der Bewegung arbeiten inzwischen ca. 30 Organisationen und Einzelpersönlichkeiten mit. Das MCAS hat erreicht, wöchentlich einen Artikel zu verschiedenen Aspekten der sexualisierten Gewalt in der Tageszeitung „El Nuevo Diario“ veröffentlichen zu können und bewirkt mit den Publikationen eine andere Art des Zuhörens: Die Menschen, die Artikel schreiben, erfahren Reaktionen und fühlen sich angehört, und Menschen, die lesend „zuhören“ werden aufmerksamer im Hinblick auf das Thema sexueller Missbrauch. Einige Frauen von Aguas Bravas und den Selbsthilfegruppen haben diese Möglichkeit bereits genutzt.

 

Zurzeit sind drei Mitarbeiterinnen von Aguas Bravas Nicaragua in Berlin. Der Besuch dient dem professionellen Austausch mit den Frauen, die in den verschiedenen Bereichen bei Wildwasser Berlin arbeiten. Sie hören sehr aufmerksam zu und ihnen wird gespannt und begeistert zugehört, wenn sie davon sprechen, wie sich ihre Arbeit in Nicaragua entwickelt. Der Austausch über die Anfänge beider Organisationen und die Entwicklung ist ein lebendiges gegenseitiges Zuhören, das die Eigenmacht jeder einzelnen stärkt, sie animiert und zum Weitermachen auf dem eingeschlagenen Weg motiviert.


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