„Wir sind ins Wasser gesprungen ...“

Ausschnitte aus einem Gespräch mit Abigaíl Figueroa, Nora Rugama und Zoraida Soza über die Arbeit von Aguas Bravas, Nicaragua

Wie seid Ihr zu Aguas Bravas gekommen?

 

Zoraida: Wir sind beim Netzwerk von Frauen gegen Gewalt. Das ist ein Netzwerk auf nationaler Ebene und ein Teil der breiten Frauenbewegung Nicaraguas. Brigitte Hauschild ist auch immer mit uns bei diesem Netzwerk aktiv gewesen. Nachdem sie ihren eigenen Aufarbeitungsprozess abgeschlossen hat, kam ihr die Idee, das Konzept der Selbsthilfegruppe (SH) nach Nicaragua zu bringen, um es mit uns zu teilen. Sie hatte den Wildwasser-Leitfaden bereits ins spanische übersetzt und wir haben ihn dann „nicaraguanisiert“. Es gab ein Treffen mit denjenigen, die an mehr Informationen interessiert waren, an dem Abigaíl und ich teilgenommen haben. Danach hat Brigitte uns angesprochen, ob wir nicht bei der Verbreitung dieser Methode mithelfen wollten, um sie in den Frauenzentren bekannt zu machen. Wir haben mit Brigitte 12 Workshops in 15 Regionen angeboten, an denen ungefähr 220 Frauen teilgenommen haben. So begannen wir, die Methode selbst besser kennen zu lernen. Von Seiten der Frauen bestand große Nachfrage und wir haben gemerkt, dass wir einen Prozess angestoßen hatten, den wir auch weiterhin begleiten mussten. Wir befinden uns auch selbst noch immer mitten drin in diesem Prozess der Aufarbeitung unserer eigenen Missbrauchs­geschichte...Wir haben dann im Mai 2007 die erste SH-Gruppe gegründet, in der auch Nora zu uns gestoßen ist.

Nora: Ich war zu einem Workshop mit dem Titel „ Leitfaden für die Gründung von Selbsthilfegruppen von Überlebenden von sexuellem Missbrauch“ eingeladen worden. Ich bin selbst Überlebende. Ich bin zu diesem Workshop gegangen, weil ich in so eine Gruppe wollte. Als die erste Gruppe gegründet wurde, habe ich mitgemacht. Und seit Februar diesen Jahres – begleite ich jetzt eine Gruppe, die sich gerade im Aufbau befindet. Ich habe irgendwie die Notwendigkeit verspürt, etwas von dem zurückzugeben, was mir gegeben worden ist. Aguas Bravas ist eine Initiative, wie es sie in Nicaragua bis jetzt nicht gegeben hat. Die Arbeit mit den Überlebenden und ihren Zeugnissen davon, was der Missbrauch für sie bedeutet und die Arbeit in der SH-Gruppe ist eine Form der Therapie, um mit den Folgen leben zu können.

Abigaíl: In Nicaragua gibt es viel pädagogische und rechtliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Aber eine Arbeit mit erwachsenen Frauen, die solche Erfahrungen hatten, gibt es nicht bzw. gab es nicht bis zur Gründung von Aguas Bravas.

Nora: Das ist etwas ganz Neues und deswegen gibt es jetzt auch eine große Nachfrage.

Abigaíl: Letztlich haben wir auch gemerkt, dass es viel mehr Frauen gibt, die Überlebende von sexuellem Missbrauch sind, als wir uns vorgestellt hatten. Und es war ziemlich schwer, das Thema des Missbrauchs und seiner Folgen in die Frauenzentren zu bringen, weil das für viele Frauen bedeutet, sich selbst als Betroffene (an)zuerkennen. Wir merkten also, dass es praktisch unmöglich war, die Selbsthilfegruppen von den Frauenzentren organisieren zu lassen. Es war an uns, weiter zu machen. Wir sind ins Wasser gesprungen, ohne schwimmen zu können. Wir befanden uns ja mitten in unserem eigenen Prozess der Aufarbeitung, waren gleichzeitig in unserer eigenen SH-gruppe, in der Nora und ich jetzt noch sind. Wir treffen uns jetzt seit zwei Jahren. Und sich in dem eigenen Prozess der Aufarbeitung zu befinden und gleichzeitig an dem Aufbau weiterer Gruppen mitzuarbeiten, ist häufig sehr schwierig gewesen. Das kostet viele Energien und oft sind wir völlig am Boden (tocar fondo) und es ist schwierig, sich wieder aufzurichten. Das Gute ist, dass unsere Lebenskraft viel größer ist, wenn wir es geschafft haben, uns wieder aufzurichten. Wir sagen immer, dass diese Arbeit, eine Chance für das Leben ist, die wir uns geben. So eine Chance muss man ja erst einmal bekommen. Wir haben an diesen Prozess geglaubt, ohne ein Vorbild in Nicaragua zu haben. Unser einziges Vorbild war Brigitte.

 

Wie kann man sich die konkrete Arbeit in den Selbsthilfegruppen vorstellen?

Abigaíl: Das Schwierigste ist, den Prozess zu beginnen und zu sagen: „Ich bin Überlebende von Sexuellem Missbrauch“. Es ist nämlich nicht leicht, sich in dieses Mädchen hineinzuversetzen, der das damals so weh getan hat. Besonders weil es ja meistens sehr nahe stehende Personen waren. Väter, Mütter, Tanten, Brüder, Nachbarn... Da begibt man sich auch in große Widersprüchlichkeiten, was die eigene Familie angeht. Weil es bedeutet, anzuerkennen, dass z.B. der eigene Vater nicht der Beschützer, sondern der Missbrauchende war. Das braucht viel Kraft und die holen wir uns aus der Gruppe. Wir hören uns zu, wir reden miteinander, wir teilen unsere Gefühle und unsere Geschichten. Manche erinnern sich kaum noch an ihre Erlebnisse. Aber über das Anhören der Geschichten der Anderen beginnen wir auch, unser eigenes Puzzle zusammenzufügen. Manchmal bleibt die Missbrauchserfahrung nur wie ein Film mit Bildern und Szenen, aber wenigen konkreten Erinnerungen. Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Körperarbeit. Wir wissen, dass der Körper uns vieles mitteilen kann über seine Schmerzen und Leiden. Wir versuchen unserem Verhalten auf die Spur zu kommen, und Folgen wie Depressionen, Selbstmordgedanken und – versuche zu erkennen und zu verstehen. Da hilft es uns sehr, darüber zu reden und angehört zu werden. Es sind viele Fragen, die wir uns stellen und letztlich versuchen wir, ein halbwegs „normales“ Leben leben zu können. Das Zuhören hat da eine sehr große Bedeutung, weil es uns ermöglicht, zu sagen: „Das habe ich erlebt! Genauso wie sie es erzählt!“ Jemanden treffen, die das gleiche erlebt hat und beginnen, sich gegenseitig zuzuhören gibt viel Kraft. Du fühlst dich nicht mehr so alleine und kannst auf einmal andere Auswege und Handlungsmöglich­keiten erkennen. Zoraida: Abigaíl hat ja schon gesagt, dass wir ins Wasser gesprungen sind, ohne schwimmen zu können. Aber ich habe das Gefühl, dass wir so langsam den Kopf – und manchmal sogar schon die Schultern – aus dem Wasser bekommen. Aber ich habe zum Beispiel nach dem Beginn meines ersten Gruppenprozesses relativ schnell eine Pause machen müssen, weil es mir zuviel war. Und so geht es vielen.

Abigaíl Figueroa, Nora Rugama und Zoraida Soza

Wie schätzt Ihr den politischen Einfluss Eurer Arbeit ein? Seid Ihr angefeindet worden wegen dem Tabubruch, den Ihr begeht?

Zoraida: Ich würde gerne vorher noch etwas ergänzen: Was wir möchten, ist die Spuren zu erkennen, die der Missbrauch in uns hinterlassen hat. Uns geht es oft so, dass wir weinen und gar nicht mehr genau wissen, warum. Meine Mutter hat über mich immer gesagt: „Sie ist ein sehr nervöses Kind. Meine Mutter ist gestorben, als ich schwanger mit ihr war. Da hat sie etwas von dem Stress abgekriegt.“ Aber eigentlich sind es Spuren von Missbrauch. Und wir glauben oft, dass es Krankheiten sind, weil wir diese Spuren nicht identifizieren können. Und unsere Arbeit fokussiert genau darauf: die verschiedenartigen Folgen sichtbar zu machen, die der Missbrauch nach sich zieht.

Nora: Unsere Arbeit ist sehr politisch. Meine Priorität ist es im Moment, meine eigene Aufarbeitung voranzutreiben, ein neues Leben zu führen. Dieser Weg mit Aguas Bravas hat mir die Möglichkeit gegeben, mich für meine Rechte einzusetzen. Ich weiß, was ich für Rechte habe und wie ich sie verteidigen kann. Unsere aktuelle Regierung hat die Frauenbewegung ziemlich angegriffen.

 

Wie seid Ihr denn an die Öffentlichkeit getreten?

Abigaíl: Wir begleiten öffentliche Anklagen wie sie zum Beispiel die jungen Männer aus Chinandega gemacht haben, die einen italienischen Priester angeklagt haben, der sie missbraucht hat. Es sind eben auch Männer betroffen, denen es auch sehr schwer fällt, sich als Überlebende anzuerkennen. Um also einen größeren und offeneren Raum zu schaffen, haben wir das „Movimiento contra el abuso sexual“ (Bewegung gegen sexuellen Missbrauch) mitgegründet. Das war dann schon ein sehr viel öffentlicherer Raum und da ging es dann darum, das Thema vom sexuellem Missbrauch und seinen Folgen für die Überlebenden auf den Tisch zu bringen. Das war in so einem öffentlichen Kontext noch mal um einiges schwieriger. Wir haben außerdem verschiedene Materialien und zuletzt eine Broschüre gemacht, um einen Sensibilisierungsprozess anzuregen. Wir nennen das „Alphabeti­sie­rung“ in Bezug auf die Bedeutung von sexuellem Missbrauch. Wir geben den Frauen diese Broschüre, damit sie beginnen, zu reflektieren – ob individuell oder in Gruppen. Außerdem haben wir den Leitfaden mit dem Titel: „Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt“. Andere Materialien dienen dazu, die Vergewaltiger sichtbar zu machen und wir führen mit ihnen öffentliche Aktionen durch. Diese Aktionen haben insbesondere für die betroffenen Frauen einen großen symbolischen Wert und sie fühlen sich stärker und besser. Besonders gilt das natürlich in einer Zeit wie der jetzigen, in der die Gewalt allgegenwärtig ist, und auch vieles außerhalb unserer Kontrolle liegt.

 

Woran liegt es, dass die sandinis­tische Regierung die Frauenbewegung so im Visier hat? (Frage und Antwort beziehen sich nicht explizit auf Aguas Bravas, sondern auf die Frauenbewegung allgemein)

Abigaíl: Wir als Frauen waren diejenigen, die sie immer in Frage gestellt haben und ihre Scheußlichkeiten angeprangert haben. Es geht jetzt nicht nur um die aktuelle Regierung und Daniel Ortega. Es geht da auch um andere Persönlichkeiten aus Regierungskreisen und aus der Politik. Und es wird der jetzigen Regierung nicht gelingen, dass so viele Jahre harter Arbeit, Gewalt gegen Frauen abzubauen und Versuche, Strukturen zu verändern, jetzt einfach von einer Person wie Ortega vom Tisch gewischt wird. Wir haben leider nicht die Macht und die Mittel, um Gerichts­prozesse anzustreben und formale Klagen einzureichen. Aber wir machen Dinge öffentlich und positionieren uns. Die ganze Macht der Regierung kommt daher, dass sie Pakte schließt, in denen sie unter anderem das Leben der Frauen verhandelt. Z.B. jetzt aktuell mit dem Thema des Totalverbots von Abtreibung. Das ist eine unerträgliche Situation für uns Frauen. Denn was bedeutet es für das Leben der Frauen, nicht abtreiben zu dürfen, wenn ihr Leben in Gefahr ist durch das Austragen des Kindes? Oder, wenn es sich um Kinder und Jugendliche handelt, die durch Vergewaltigungen schwanger geworden sind. Wir gehen davon aus, dass die Regierung Angst vor uns hat. Sie verfolgt uns, sie will uns einschüchtern, sie bedroht uns und lanciert Schmutzkampagnen gegen exponierte Frauen der unterschiedlichen Frauenorganisationen. Aber wir sind vorsichtig gewesen in letzter Zeit. Weil wir – ehrlich gesagt – auch nicht die Ressourcen haben, uns mit diesem patriarchalen-politischen System anzulegen.

Zoraida: Es gibt da ja auch viele Widersprüchlichkeiten. Wir Frauen haben in dem revolutionären Prozess – Abigaíl war auch Teil dieses Prozesses – viele Möglichkeiten gehabt. Wir haben mehr partizipiert und ein Bewusst­sein für die Rechte bekommen, die uns zustehen. Und jetzt möchte die gleiche Regierung wie damals uns unsere Erfahrungen und unsere Fähigkeiten absprechen. Das geht nicht. Wir sind inzwischen nicht mehr 10 Frauenorganisationen, sondern 300. Das alles ist sehr widersprüchlich. Als ob sie jetzt ausbremsen wollten, was mit ihnen überhaupt erst möglich geworden ist. Sie wollen die Befreiung der Frau bremsen, weil sie Angst haben, dass ihre patriarchale Macht umgestoßen werden könnte. Aber wir Frauen – und das kann ich in einem globalen Kontext sagen – sind die, die die Geschichte ändern werden.

 

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