Nicaragua zuhören

Dieser Text ist das Ergebnis eines Gesprächs zwischen Eberhard Albrecht, Eva-Maria Bach, Matthias Böhne und Marianne Walther.

 

[ea] Seit mindestens 20 Jahren beschäftigen wir uns mit Nicaragua. Wir, das sind Eberhard, Eva-Maria, Marianne und Matthias. In den 1980er Jahren stießen wir zum Ökumenischen Büro, weil wir mit auf Brigade fahren wollten. Die sandinistische Revolution wollten wir unterstützen. Die Menschen, die sich aus der Diktatur Somozas befreit hatten und sich daran machten, gegen allen Widerstand ihr Leben auf eine neue Basis zu stellen, faszinierten uns. Nicaragua war uns sehr wichtig, aber auch sehr fremd. Wir wollten es kennen lernen, wir wollten verstehen, wie es zu dieser Revolution gekommen war, die in eine alles umfassende Veränderung der Gesellschaft mündete. Dazu mussten wir uns informieren, wir mussten zuhören.

Heute beschäftigen wir uns immer noch mit Nicaragua, aber fasziniert sind wir nicht mehr, wenn wir das politische Geschehen verfolgen, obwohl seit den letzten Präsidentschaftswahlen wieder vieles ähnlich wie damals ist. Der Präsident ist wieder Daniel Ortega und die Frente Sandinista, die an der Spitze der Revolution von 1979 gestanden hat, stellt heute wie damals die Regierung. Auch wenn uns Nicaragua etwas weniger fremd erscheint als damals, genau zuhören müssen wir immer noch. Dieser Aspekt des Zuhörens im Zusammenhang mit unserer veränderten Einstellung gegenüber der entscheidenden politischen Kraft des Landes, der FSLN, hat uns interessiert. In einem langen Gespräch haben wir vier uns Fragen nach möglichen Zusammenhängen gestellt. Haben sich unsere Informationsquellen geändert, hören wir inzwischen anderen Menschen und Medien zu? Haben wir uns geändert und hören deshalb heute die Dinge anders oder wollten wir manches, was uns heute irritiert, damals gar nicht hören? Haben sich die Verhältnisse geändert, so dass wir erst heute Dinge erfahren, zu denen wir damals gar keinen Zugang bekommen konnten?

Bei dem Gespräch ist uns klar geworden, dass unter uns vieren Erinnerungen an die Zeit, als wir in den 1980ern und Anfang der 1990er Jahre Nicaragua bei Brigadeaufenthalten kennen gelernt haben, sehr unterschiedlich sind. Auch die politischen Einschätzungen der gemeinsam erlebten Situationen differierten zumindest graduell. Aber es gab natürlich die gemeinsame Grundüberzeugung, die wir mit den anderen Mitgliedern der Nicaraguasolidarität teilten, dass der so sehr angefeindete Versuch dieses Landes, eine selbstbestimmte Entwicklung voranzutreiben, unterstützt werden muss. „Ich hatte den Eindruck, dass es dort ein Land gibt, wo alle am selben Strick ziehen. Wo trotz unterschiedlicher Meinungen alle zusammen eine andere Gesellschaft aufbauen wollten. Das fand ich irrsinnig faszinierend. (Matthias)“

Und die Rolle, die der FSLN in diesem Prozess zukam, war zwischen uns auch unstrittig: „Die FSLN war für mich eine Partei, die machte es so, wie ich mir vorstellte, dass es gemacht werden musste. (Marianne)“, „Die FSLN hatte eine Autorität, die nicht hinterfragt wurde. Wegen des Respekts vor der Revolution und dem Land. (Eva-Maria)“, „Damals hat die FSLN in unseren Augen die Wahrheit gesagt. (Eberhard)“

Die damalige politische Situation Nicaraguas ist natürlich nicht mit der heutigen zu vergleichen. Die Erinnerung an die erfolgreiche Revolution gegen die Somoza-Diktatur, die eine unvergleichliche weltweite Welle der Solidarität ausgelöst hatte, war noch ganz frisch. Bei der auf nationaler und internationaler Ebene geführten Auseinandersetzung um die politische Entwicklung des Landes schreckten die Gegner_innen der sandinistischen Regierung vor nichts zurück. Gegen den von den USA massiv unterstützten Contra-Krieg und die Politik des wirtschaftlichen Drucks der BRD haben wir uns empört und Partei für die nicaraguanische Regierung der FSLN ergriffen.

Wem haben wir damals zugehört?

 

Jeder von uns vier begann auf seine Art, sich auf Nicaragua vorzubereiten. Spanisch lernen und alles lesen, was zu Nicaragua geschrieben worden war, stand am Anfang. Nicaragua war damals ja interessant, wir waren bei weitem nicht die Einzigen, die sich dafür engagierten und das Informationsangebot in den deutschen Medien war wesentlich umfangreicher als heute. „Damals stand relativ viel in deutschen Zeitungen zu Nicaragua. Vor allem in der taz (Eberhard).“„Es lief bei mir so, dass ich in den Gasteig (Münchner Stadtbibliothek) gegangen bin und dort alles ausgeliehen habe, was die über Nicaragua hatten. (Matthias)“. Trotzdem war der Zugang zu aktuellen Informationen nicht einfach, neben der Tagespresse gab es nur noch den Rundbrief vom Informationsbüro Nicaragua e. V., der monatlich erschien. Wir wollten aber authentische Informationen. So waren persönliche Kontakte mit Leuten, die schon dort gewesen waren, für uns ganz wichtig. Erfahrungsberichte von Brigadist_innen, Referate zur Geschichte des Landes und das eigene Erarbeiten von Themen zur Politik und zu den gesellschaftlichen Verhältnissen waren Schwerpunkte der Brigadevorbereitung im Ökumenischen Büro. Die Vorbereitung war intensiv und bedeutete für uns Treffen alle 14 Tage und mehrere Wochen­end­seminare über einen Zeitraum von einem halben Jahr. Das dabei erworbene Wissen war ganz wichtig für die späteren Aufenthalte. „Ich fand das einfach hervorragend, hatte das Gefühl, ich hätte so viel gelernt. Die Geschichte des Landes, die Organisationen usw. (Marianne)“

Aber diese Anstrengungen waren nur notwendige Vorbereitung für den direkten Kontakt mit den Menschen in Nicaragua. Ihnen wollten wir zuhören. Als Brigadist_innen waren dies vor allem unsere Gastfamilien, bei denen wir während des Landaufenthaltes wohnten und die Vertreter_innen der verschiedenen Organisationen, die uns in Informationsveranstaltungen von ihrer Arbeit und ihrem Leben berichteten. Weitere private Kontakte waren zufällig und eher selten, die Spanischkenntnisse waren zumindest bei dem ersten Aufenthalt trotz der vorangegangen Intensivkurse dafür doch nicht ausreichend. Wie gesagt, wir waren verschieden und deshalb kamen einige durch ihre Vorerfahrungen besser mit der Situation zurecht und haben mehr profitiert als diejenigen, die von der Fremdheit irritiert waren. „Ich bin der Meinung, meine Fähigkeiten zum Zuhören waren sehr stark geprägt von meinen vorhergehenden Reiseerfahrungen. Das hat mir in Nicaragua sicher geholfen, so dass ich dort eigentlich immer etwas Interessantes zum Anhören gefunden habe. (Eva-Maria)“

In unserem Gespräch wurden wir uns auch bewusst, dass wir entsprechend unseren persönlichen Interessen selektiv zugehört hatten. Erinnern konnten wir uns besonders gut an Gespräche und Informationsveranstaltungen, bei denen es um Dinge ging, die wir kannten, mit denen wir uns zu Hause schon intensiv beschäftigt hatten. „Dabei habe ich dann Sachen gefunden, die in mein politisches Weltbild passten, wie z. B. Kooperativen, Kollektive. Das war in meinem Privatleben auch schon vorher wichtig. (Eva-Maria)“ „Bei mir waren es die Gewerkschaften und die Frauen. Kooperativen waren zwar spannend, ich hatte aber keine Ahnung davon. (Marianne)“

Unser Zuhören war von unseren Interessen geleitet worden, aber auch unsere Partner_innen hatten Interessen. Partnerin war bis 1990 die lokale Vertretung des Erziehungsministeriums in der Provinz Río San Juan, d. h., es waren überzeugte Anhänger_innen der FSLN. Diese vermittelten uns die Kontakte, wählten Gesprächspartner_innen aus. Sie hatten Interesse daran, dass wir den besten Eindruck von den Errungenschaften der sandinistischen Revolution bekamen und brachten uns natürlich nicht mit Leuten zusammen, die ihrer Politik ablehnend gegenüber standen.

 

Lernen durch zuhören

 

Neben der Erkenntnis, dass ein Volkshochschulkurs in Spanisch für ein Gespräch mit Leuten in Nicaragua nicht ausreicht, haben wir beim Zuhören noch vieles anderes gelernt. „Ich habe mich daran gewöhnen müssen, dass die Leute ganz anders auftreten, als ich es gewohnt bin. Ich habe trotzdem alles mitgeschrieben, auch wenn die Essenz erst ganz zum Schluss oder gar nicht kam. (Marianne)“. Uns wurde klar, dass diese für uns ungewohnte Art und Weise zu kommunizieren durch die Bildungsverhältnisse geprägt war. „Für mich war das immer eine orale Kultur, wegen der hohen Analphabetenrate, und nicht wie bei uns eine Lese-Schreibkultur. Die Leute haben Radio gehört, batteriebetrieben gab es die überall. (Eva-Maria)“ Die Früchte der oralen Kultur waren beeindruckend. Alle konnte man zu allem fragen und alle waren dazu in der Lage, aus dem Stegreif erschöpfend Auskunft geben.

 

Wem haben wir damals nicht zugehört?

 

Dass wir keinen Kontakt mit Menschen hatten, die der Regierung kritisch gegenüber standen, war für uns kein Problem, denn wir wollten ja die sandinistische Regierung unterstützen. Mit gegnerischen Meinungen hatten wir uns schon zuvor in Deutschland auseinander gesetzt. Aber das, was da an Anschuldigungen z. B. hinsichtlich Menschenrechtsverletzungen vorgebracht wurde, hat uns nicht überzeugen können. Wir waren uns unserer Sache sicher. „Und deshalb habe ich vielen anderen Meinungen nicht zugehört und sie als Propaganda abgetan, die wollen nur diesen Staat fertig machen. Die Gegner_in­nen der sandinistischen Regierung sind halt Amifreund_innen, die sich gegen eine gerechtere Verteilung der Einkommen sträuben, die nicht wollen, dass alle am Gesundheitswesen und Erziehungswesen teilnehmen. Die wollen das nicht, weil ein wissendes Volk sich anders verhält als ein dummes Volk. (Marianne)“ Kritiker_innen musste man nicht zuhören. „Wenn dann in der Brigade Leute dabei waren, die auch mal mit der gegnerischen Seite reden wollten, das kam überhaupt nicht in Frage, auch für mich nicht. Sonst haben wir nur Parteileuten zugehört. Also das waren Vertreter_innen von Organisationen, Frauen, Gewerkschaften usw., immer Leute, die der FSLN sehr nahe standen. (Marianne)“

 

Vertrauen und Glaub­würdigkeit

 

Wir wollten solidarisch sein mit diesem Land, das uns durch seine Fremdartigkeit immer wieder verunsicherte. Vieles war nicht leicht zu verstehen und man konnte so viele Fehler machen. In dieser Situation war unser Vertrauen in die Partner_innen von entscheidender Bedeutung. Part­ner_in­nen waren die Partnerorganisation und im weiteren Sinne auch die FSLN. Bei den vereinzelten Zweifeln und Kontroversen, die sich bei einigen von uns schon lange vor 1990 einstellten und die nach vielen Jahren zum Bruch mit der FSLN führten, ging es immer um Vertrauenskrisen. Die ersten Probleme hingen damit zusammen, dass wir ziemlich naiv den Traum der FSLN vom neuen Menschen zu wörtlich genommen hatten. Erlebnisse von kleinen Diebstählen, großen Besäufnissen und FSLN-Repräsentant_innen, die die heile Familie predigten und selbst fremd gingen, waren vor allem lehrreich. Aber neben der Erkenntnis, dass auch Held_ innen im Alltag normale Menschen sind, kamen Zweifel auf. „Irgendwann hat man es dann mitbekommen, dass einiges nicht so genau stimmte, und dann kamen die Zweifel: Nehmen sie es denn immer so genau? Ich glaube, hier wurde der Grundstein dafür gelegt, dass wir viel später der FSLN nicht mehr glauben konnten. (Eberhard)“

Grundsätzlicher wurden die Zweifel, als nach dem Wahlverlust der FSLN 1990 Informationen über die „Piñata“1  bekannt wurden. Zwar gab es einleuchtende Erklärungen dafür: „Woran ich mich erinnern kann, ist, dass ich Teile davon für gerechtfertigt hielt, dass man zum Schluss noch ganz schnell die ganzen Landtitel vergab und versuchte zu sichern, was noch geht. Das fand ich o. k. (Mathias)“ „Da war ich viel moralischer. Ich war der Meinung, wenn jemand ein Vorbild sein will, wie die Leute von der FSLN, dann müssen sie auch integere Persönlichkeiten sein und sich nicht bereichern auf Kosten anderer. (Marianne)“. In den nächsten Jahren klärte sich die Situation allmählich. Es entstandt ein sandinistischer Unter­nehmer_in­nenflügel und es war klar, dass die Basis dafür mit der „Piñata“ 1990 gelegt worden war. Der lang andauernde Prozess unseres Vertrau­ensver­lustes gegenüber der FSLN lief parallel zu einer ähnlichen Situation mit dem Projektpartner. Die beiden Prozesse überlagerten sich, denn auch der Projektpartner stand der FSLN sehr nahe. Die entscheidenden Ereignisse waren aber der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs von Zoilamérica Narváez gegen ihren Stiefvater Daniel Ortega und der Pacto zwischen Ortega und Arnoldo Alemán. Zumindest in dem Fall Zoilamérica Narváez ging es in erster Linie um Glaubwürdigkeit. „Der Fall Zoilamérica ist etwas besonderes, da steht ja Aussage gegen Aussage, und ein unbeteiligter Beobachter kann kaum wissen, wer Recht hat. Es geht also darum, wem glaubt man. Es stellt sich also die Frage, warum glauben wir in diesem Fall Daniel Ortega nicht? (Eberhard)“ „Das war der Moment, wo Daniel Ortega seine Glaubwürdigkeit verloren hat. (Mathias)“

 

Zuhören heute

 

In den Jahren, als unser Verhältnis zur FSLN abkühlte, änderten sich auch unsere Kontakte und unsere Informationsquellen. Die Parteizeitung der FSLN, Barricada, verschwand und die politische Monatszeitschrift envio, die für uns immer eine wichtige und vertrauenswürdige Informationsquelle war – Mitte der 80er Jahre als deutschsprachige Ausgabe übersetzt vom Informationsbüro Nicaragua e. V. – wurde zunehmend kritischer gegenüber der FSLN. Auch Organisationen wie die Menschenrechtsorganisation CENIDH und ihre Vorsitzende Vilma Núñez, die immer wichtiger für uns wurden, entfernten sich von der FSLN. Diese Entwicklungen haben uns wahrscheinlich in unserer Einschätzung der Politik Daniel Ortegas beeinflusst. Bei weiteren Reisen nach Nicaragua und verbesserten Sprachkenntnissen ergaben sich neue private Kontakte, die sich nicht mehr automatisch auf FSLN-Sympathisant_innen beschränkten. In den 1980er Jahren waren diese Kontakte von unseren Partner_innen ja nicht gerade gern gesehen gewesen. Wir lernten Leute kennen, die glaubwürdig von Dingen in den 1980er Jahren berichteten, die nicht so toll waren. Sie berichteten von Unfähigkeiten, von Korruption und Drangsalierungen.

Ein wesentlicher Aspekt des sich verändernden Zuhörens ist ein technischer. Mit dem problemlosen Zugriff auf die nicaraguanischen Medien über das Internet ist es heute wesentlich einfacher geworden, aktuelle Informationen zu Nicaragua zu bekommen. „Früher, wenn du da einen Wunsch geäußert hast, der in ihren Augen etwas grenzwertig war, bist du immer auf eine Mauer gestoßen. Das ist jetzt nicht mehr so, nicht nur, weil es Internet gibt, sondern auch, weil der Bedarf nach anderen Informationen steigt, nachdem klar ist, dass die FSLN nicht das Gelbe vom Ei ist. (Eva-Maria)“. Das Bewusstsein, dass man jetzt mit dem Internet im Prinzip, wenn man die entsprechende Zeit investiert, fast genauso gut über das politische Tagesgeschehen in Nicaragua informiert sein kann wie die Menschen, die dort leben, ist ein Riesenunterschied zu der Situation der 1980er Jahre, wo man bei interessierenden Themen darauf hoffen musste, dass jemand ein Buch darüber schrieb.

 

Fazit

 

Beim Zuhören in einem fremden Land, wo es sehr stark darum geht zu lernen, Neues zu erfahren, ist Vertrauen in die Kommunikations­part­ner_in­nen ganz entscheidend. Wenn man ihnen vertraut, glaubt man ihnen die Informationen, die man kaum überprüfen kann. Dieses Vertrauen hatten wir in den 1980er Jahren. Wir waren von der sandinistischen Revolution überzeugt. So sehr, dass Zweifel gar nicht erst aufkamen. Wenn uns ausnahmsweise doch etwas „schräg“ vorkam, dann gab es immer den Contra-Krieg, der alles entschuldigte. Vor allem aber waren wir selbst nicht an Zweifeln interessiert. Dass die rechte Zeitung La Prensa von der Regierung zensiert wurde, hat uns nicht sonderlich betroffen: wir haben ihr sowieso nicht geglaubt. Dass wir fast nur Menschen zuhörten, die mit der Regierung der FSLN einverstanden waren, hat uns nicht irritiert, denn wir wussten ja, dass die überwältigende Mehrheit hinter der Regierung stand.

Heute sehen wir das anders. Wie viele Nicaraguaner_innen auch haben wir große Zweifel daran, dass sich Daniel Ortega und die FSLN in ihrer Politik ausschließlich von den Interessen der armen Bevölkerungsmehrheit leiten lassen. „Ich habe das Gefühl, in Nicaragua geht es nur noch um Scheißpolitik, wie überall auf der Welt. (Eva-Maria)“ Ganz sicher ist, dass Ortega und die FSLN zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele Methoden anwenden, die nicht akzeptabel sind. Hier sei nur exemplarisch auf die Politik des Pacto verwiesen, auf den Missbrauch der Justiz im Falle Arnoldo Alemán oder auf den Wahlbetrug bei den Gemeindewahlen im November 2008. Auch werden wir der FSLN in ihrer Politik nicht überallhin folgen. Vor allem dann nicht, wenn sie aus reinem Opportunismus zu Entscheidungen wie dem totalen Abtreibungsverbot führt.

Sicherlich gibt es einen Zusammenhang zwischen unserem Sinneswandel und dem Zuhören. Wir sind der Meinung, der Grund dafür, dass wir die FSLN heute anders sehen als vor 20 Jahren, liegt an der FSLN, die heute eine andere Politik macht als damals. „Für mich persönlich glaube ich, dass ich nicht durch anderes Zuhören meine Meinung geändert habe, sondern dass sich dort tatsächlich etwas geändert hat. Ich reagiere auf die Veränderung der FSLN bei meiner geänderten Beurteilung der FSLN. (Eberhard)“ Wegen dieser politischen Entwicklung hören wir heute teilweise anderen Menschen zu. Denn die Erklärungen der FSLN für ihre Politik waren nicht mehr überzeugend. Wir mussten woanders Erklärungen suchen. Zum großen Teil fanden wir sie bei Freund_innen in Nicaragua, denen es ähnlich gegangen war wie uns – bei Medien und Organisationen wie envio und CENIDH, die auch nicht mehr von der FSLN zu überzeugen waren.

Im Augenblick ist die politische Situation in Nicaragua geprägt von einer sehr problematischen Polarisierung. Der Regierung Ortega, die zum großen Teil für diese Polarisierung verantwortlich ist, glaubt man nichts mehr. In jeder ihrer politischen Initiativen sucht und findet man einen Pferdefuß. Leider scheint diese Polarisierung Erfolg zu haben. Man gewinnt den Eindruck, dass Kritiker_innen der Regierung sich politisch nach rechts bewegen. Jedenfalls hat es das vor ein paar Jahren noch nicht gegeben, dass der Dachverband der nicaraguanischen Nichtre­gierungsorganisationen Coodinadora Civil Veranstaltungen zusammen mit der Konrad-Adenauer-Stiftung durchführt und sich mit der Bischofskonferenz der Katholischen Kirche solidarisiert, wenn die von der Regierung angegriffen wird.

In dieser Situation genau hinzuhören ist nicht einfach, denn die Regierung sucht nicht gerade die Kommunikation. Ihre Zusammenarbeit mit der Presse ist eine Katastrophe – Daniel Ortega hat seit 2006 in keinem nicaraguanischen Medium mehr ein Interview gegeben. Ganz allgemein ist die Regierung nicht sehr auskunftsfreudig. Man ist also häufig auf das angewiesen, was die Medien zu politischen Initiativen der Regierung veröffentlichen, d. h. Auf die Interpretation derjenigen, die der Regierung misstrauisch gegenüber stehen.

Entscheidend ist aber weiter zu hören, was die Menschen an der Basis denken und dafür sind wir weiter auf Vermittler_innen angewiesen, wie die Mitarbeiter_innen unserer Partnerorganisation Movimiento Comunal, Vermittler_innen, zu denen wir Vertrauen haben.

 

 1 Mit piñata bezeichneten die Nicaraguaner_innen die Bereicherung in der Führung der FSLN nach der verlorenen Wahl Ende 1989. Die Zeit zwischen den Wahlen und der Übergabe der Regierungsgeschäfte an die rechte Opposition Anfang 1990 nutzten einige, um in beträchtlichem Umfang öffentliches Eigentum auf ihren Namen umzuschreiben.(Siehe auch Info-Blatt 63: http://www.oeku-buero.de/index.php/info-blatt-63/articles/pinata-und-huaca.html)


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