Auszüge aus dem Manifest der Anderen Kampagne

Die Andere Kampagne ist nun ein Schritt in die Offensive. Und damit ein Klang, der sich, obwohl noch klein, aus dem Mexiko von unten erhebt. Und er erhebt sich, um sich selbst in ein Murmeln zu verwandeln, dann in einen Schrei, und schließlich in eine Bewegung. Mit dieser Reise hat die Andere Kampagne eine Botschaft für die Oberen: „Ya Basta. Es reicht. Jetzt nehmen wir es mit euch auf.“ Ein kalter Schauer läuft über den Rücken des Systems: Anstatt den Oberen zuzuhören, ziehen es die Unteren vor, sich selbst zuzuhören.1 

 

Positionierung gegenüber der Politik von oben, Hinweis: dieses Kommunique wurde von verschiedenen Gruppen der Anderen Kampagne erarbeitet, darunter die EZLN, Mexiko-Stadt 2.7.20062 

ERSTER TEIL

 

Von den VertreterInnen der Bundesstaaten aus dem Norden Mexikos

Angesichts des Kapitalismus, dem System, das alles in eine Ware verwandelt und darauf abzielt, unsere Kultur abzulehnen, zu unterdrücken und auszulöschen, hat unser Volk seit mehr als 500 Jahren ­­– und seit der Besetzung Mexikos in 1848 – eine Kultur des eisernen Widerstandes bewiesen.

Viele sind gefallen gegen den überwältigenden Druck einer Realität, die nur den Ausdruck der vorherrschenden Kultur erlaubt, als Schau für Touristen und als Vorwand, um Waren zu verkaufen, und nicht selten Menschen. Aber die Andere Kampagne erschafft und entwickelt eine neue Kultur, basierend auf humanen Prinzipien wie Freiheit, gegenseitigem Respekt, Liebe und Solidarität. […]

Oben ist der Hass gegen den Schwachen und die Frauen. Oben sind die Misshandlung, die Verachtung, die Schläge, die Vergewaltigung, der Mord. Oben ist die politische Kultur der Korruption, der Günstlingswirtschaft, derer, die sich die Herrschaft kaufen.

Oben sagen sie, dass die kulturelle Arbeit und die Kunst nur eine weitere Sache sind, die verkauft und aufgeteilt werden kann. […] Oben setzen sie durch, dass man nur in der gleichen Sprache kommuniziert, mit der gleichen Musik, der gleichen Information, dem gleichen Rhythmus, vermengt zu einer einzigen Denkweise.

Oben wird die Verachtung gegenüber allem gefördert, das anders ist: die Indígenas, die Compas, die Armen, die Jugendlichen, die Schwulen, Lesben, Transvestiten, Transsexuellen, gegen alle, die eine andere, eigene Art haben. Oben sagen sie, jung zu sein bedeute, die Musik zu hören, die sie bestimmen, sich anzuziehen, wie sie es vorschreiben, zu reden, wie sie reden, und sogar zu lieben, wie sie das festlegen.

Oben schlägt man vor, dass alles nur eine Sache ist, und als Sache kann man es mit einem Etikett versehen und verkaufen. Oben bestimmt der Konsum, was man kaufen soll und wie viel, und zu welchem Preis.

Oben sagt man, dass jeder alleine ist, dass alle auf sich selbst gestellt sind. […]

Unten haben wir, die Otra, die einfachen und bescheidenen Menschen getroffen, die dem Oben nicht glauben, die NEIN rufen, die Widerstand leisten und kämpfen gegen dieses Oben, gegen das kapitalistische System. Unten haben wir gemeinsam gelernt und die Menschen gesehen, die für den Respekt der Frauen, Mädchen, Alte und Arbeiterinnen kämpfen. Unten bewundern wir die Frauen, die gegen die Ungerechtigkeit kämpfen und rebellieren. […]

Unten treffen wir jene, die mit anderen Stimmen und auf andere Sprachen kämpfen und sich zuhören: die indigenen Völker, die ihre Kultur verteidigen, die Jugendlichen, die ihre Jugend und ihr Frausein verteidigen, die Schwulen, Lesben, Transsexuellen, Bisexuellen, Transvestiten, die anderen Lieben, die ihr Recht verteidigen, auf ihre Art zu lieben, sich nach ihrer Art zu kleiden und ihre Wünsche zu haben.
Unten sagen die Anderen, sagen wir, dass das so nicht geht. Dass es viele Arten von Musik, und viele Formen zu lieben und sich zu kleiden gibt, nicht nur eine einzige, und dass alle leben sollen, wie sie wollen. […] Unten ist das Kollektiv, die Autonomie, die Solidarität, der Respekt und die Liebe. In der Anderen Kampagne vereint sich das Unten, und das Oben erzittert. Das Unten beschließt, sich anzusehen, zu reden, sich zu organisieren und zu kämpfen. […]
Die von oben brauchen wir nicht mehr. Vereinen wir das Unten, das wir sind, und kämpfen wir nach links. […]

http://www.indymedia.org/de/2006/01/830912.shtml

ZWEITER TEIL

 

Von den VertreterInnen der Bundesstaaten aus dem Zentrum Mexikos

[…] Hier sind wir, hier sprechen wir unser Wort, hier vereinen wir unsere Stimmen, um sie stärker und größer zu machen. Hier erschaffen wir, alle zusammen, diese landesweite Bewegung des Volkes von unten und links, der bescheidenen und einfachen Menschen aus Mexiko.

Hier ist die Andere Kampagne, geboren aus der Sechsten Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald, die dazu aufruft, zuzuhören und angehört zu werden, uns zu organisieren, unsere eigenen Formen zu erschaffen, Politik zu machen, gemeinsam unsere Entscheidungen zu treffen, jeden so respektieren, wie sie sein wollen, die Art jedes einzelnen respektierend, jeder Gemeinde, jedes Stadtviertels, jedes Volkes. In der Anderen Kampagne muss niemand aufhören zu sein, was sie sind, um zu sein, zu leben und zu wachsen.

Und wir kündigen an, dass wir den Kapitalismus zu Fall bringen werden. In der Anderen Kampagne werden wir alle die Arbeiter des Volkes sein, die sich beteiligen, kollektiv überlegen und gemeinsam über die großen nationalen Probleme entscheiden. Nur die Bevölkerung ist in der Lage, Lösungen zu finden, die allen Mexikanern zunutze kommen. Deshalb sagen wir, dass das Volk befehlen und die Regierung gehorchen soll. […]

[…] Die Andere Kampagne lädt Dich ein, Dein Wort vorzutragen und bietet sich an, aufmerksam und respektvoll zuzuhören. Und wenn wir alle vollständig sind, werden wir alle „Mexiko“ sagen, und das Land und die ganze Welt werden dann anders sein, neu und besser, für alle. Eine Welt, in der es für jeden und jede einen Platz gibt, Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie für alle. […]

 

DRITTER TEIL

 

Von den VertreterInnen aus den südlichen Bundesstaaten und der Küste Mexikos

Wir, Männer und Frauen von unten und von links, die immer diskriminiert worden sind und nun das bilden, was wir die Andere Kampagne nennen, rufen alle auf, sich diesem Kampf anzuschließen, um der Verachtung derer von oben ein Ende zu setzen.

Wir alle können von unseren kleinen Orten aus sehen, wie in Mexiko und auf der ganzen Welt die Diskriminierung herrscht, denn wenn sie einen von uns verachten, verachten sie alle, und setzen damit auch der menschlichen Würde ein Ende. […]

Weil wir jung sind, schikanieren sie uns jeden Tag. Die Polizei hält uns auf der Strasse auf und behandelt uns wie Verbrecher. […] Wir dürfen nicht so aussehen, wie wir wollen, sondern wie sie das anordnen. Für die da oben macht uns sogar unsere Kleidung zu Kriminellen. […]

Als Kinder und Alte, und als Menschen, die eine fremde Sprache sprechen, als Ausländer oder Indígenas passiert uns das gleiche: sie ignorieren uns und denken, wir wüssten gar nichts, dass sie keinen Grund haben, uns zuzuhören. Und wenn sie sehen, dass wir dunkle Haut haben oder arm sind, ist es noch schlimmer, weil sie, ohne uns auch nur einmal anzuhören oder mit uns zu sprechen, bereits entscheiden, dass wir nutzlos sind, und wollen uns unsichtbar machen, dass wir uns schämen zu existieren.

Wenn irgendeiner von uns mal krank wird, erhalten wir von den Ärzten weder Beistand noch Respekt. Wenn wir eine Behinderung haben, wird keine Rücksicht darauf genommen, wie uns das beeinträchtigt […]. Jene von uns, die HIV- positiv sind, behandelt man, als ob wir keine Menschen wären, sie sagen uns, dass es unsere Schuld sei, dass wir ein schmutziges Leben führen und Sex mit jedem hätten. Und schlimmer, wenn wir effeminiert oder vermännlicht aussehen, wenn sie denken, dass wir Homosexuelle, Lesben und Bisexuelle sind, fragen sie uns über unser Intimleben aus, sie respektieren nicht unser Recht, ein gesundes Privatleben zu haben. Wenn wir unseren Freund oder Freundin in der Öffentlichkeit küssen, wenden sie das Gesicht ab und sagen, wir wären widerlich, gefährliche Kranke. […]

Wenn wir Straßenkinder sind, sagen sie, wir wären schmutzig und verjagen uns mit der Polizei von den Orten, an denen wir leben. Sie lächeln uns nie an, sie runzeln nur die Stirn, und wenn die Polizei kommt und uns zwingt, ihnen sexuelle Dienste zu leisten, sagt niemand etwas. Weil wir nichts wüssten, weil wir hässlich sind in ihren falschen glücklichen Städten. Weil wir nichts sind.

So gehen sie auch mit uns Frauen um. Wir gelten weniger als Männer und sind das Eigentum jener, die uns beherrschen. Sie sagen uns, dass wir nicht die gleichen Anrechte hätten, dass wir tun sollen, was sie sagen. Wir haben kein Recht auf sexuelle Wünsche, denn unser Körper gehört uns nicht. Wenn wir dick sind, können sie uns auslachen, und das Fernsehen stachelt sie dazu an. Und weil wir Frauen sind, rufen sie uns auf der Strasse dreckige Sachen hinterher, ohne uns zu kennen, als ob wir keine Würde hätten und nur ein Sexobjekt wären. In unserer Erziehung bringen uns die Ideen derer von oben von Kindheit an bei zu glauben, dass es so gut ist, dass es so sein soll, und dass wir glücklich sein sollen und aufhören sollen, uns so hysterisch zu empören.

Von klein auf fangen sie an, uns diese Lügen beizubringen, denn die von oben fürchten nichts mehr, als uns frei und gebildet zu sehen. Deshalb erlassen sie Gesetze, die das Leben für Mütter und Großmütter schwierig machen, sie erlassen Gesetze, um unsere Körper zu kontrollieren und das, was wir mit unser Leben machen, und sie ermutigen jene, die uns missbrauchen und ausbeuten wollen, es zu tun. Wenn wir zuhause geschlagen werden und das bekannt machen, glauben uns die Medien nicht, es gibt Menschen, die uns beschuldigen, zu lügen und unsere Familien nicht zu lieben. Wenn sie uns töten, lassen sie unsere Mörder frei herumlaufen und sagen, sie wären vorbildliche Bürger, dass wir die Kriminellen gewesen wären, die schlechten Ehefrauen und schrecklichen Weiber.

Und wenn wir zu Sexarbeitern und Sexarbeiterinnen werden, weil wir arm sind und weil das System und der Machismo unser Leben zerstören, ist es, als ob man nicht tiefer sinken könnte. In dieser Sprache, in unserem täglichen Leben, schien es nichts Schlimmeres zu geben, als „puta“ [Hure] genannt zu werden. Wegen unserer Arbeit erlaubten sie uns nicht, uns gut um unsere Kinder zu kümmern, sie in der Schule einzuschreiben, und sie behandelten uns auch nicht gut, wenn wir ins Krankenhaus mussten. Außerdem hatte die Polizei die Erlaubnis, alles mit uns zu machen, was sie wollten, weil wir für die von oben weder Rechte noch eine würdige Identität hatten. […]

Jenen von uns, die transsexuell sind oder intersexuell, sagt man alles mögliche nach, ganz gleich, was wir tun. Wir können nicht baden gehen ohne Angst zu haben, weil die Gesetze und die Erziehung von oben uns zwingen wollen, entweder völlig männlich oder völlig weiblich zu sein, und wenn wir sagen, dass wir menschlich sind, dann existieren wir gar nicht. Deshalb macht unsere Art uns zu kleiden, zu Verbrechern, unsere Gesichter führen dazu, dass wir von allen politischen Parteien und der Kirche beleidigt werden, und wenn wir glücklich sein wollen, sagt uns der Kapitalismus, dass das nicht geht, nicht so, wie wir sind, dass wir uns seinem Spiel und seinen Definitionen unterwerfen müssen.

Für jene, die diskriminieren, ist es am wichtigsten, dass wir nicht wissen wer wir sind. Aber wir in der Anderen Kampagne glauben, dass wir alle zusammen und verschieden schöner sind und es macht uns stolz, dass man uns zuhört, wenn wir sagen, wer wir sind.
Und so werden wir alle, dort wo wir unsere Kämpfe führen, unterdrückt, weil wir versuchen, uns zu organisieren. Sie wollen uns spalten. Jene von oben, mit ihren schlechten Regierungen, versuchen, uns mit Geld, Versprechen und Lügen und ihren falschen Wahlkampagnen zu kaufen. Aber wir werden nicht schweigen. Sie wollen uns zum Schweigen bringen, uns unterdrücken, uns schlagen, uns einsperren, weil wir soziale Kämpfer sind, uns verschwinden lassen und uns sogar töten. Aber wir sind bereits viele Stimmen, die Echos haben.

All dies sind unsere Geschichten, die gleichen, die wir mit den Stimmen der Anderen Kampagne geteilt haben. Gemeinsam lernen wir, einander zuzuhören, uns kennenzulernen und zu kämpfen, um unsere Welt zu verändern. Denn wir fühlen alle den Schmerz, verachtet zu werden. Aus diesem Grund laden wir alle ein, sich mit diesem Schmerz zu identifizieren. Und wenn sie es genau so satt haben, verachtet zu werden, wie wir es tun, sollten wir uns alle zusammentun und immer kämpfen, um dieses System zu beenden, diesen Kapitalismus, der uns aussondert, uns verurteilt und uns tötet.

Kämpfen wir jeden Tag gegen die Diskriminierung, um für uns eine andere Art zu leben zu schaffen: würdig und gerecht. Ein Hoch auf die Andere Kampagne! Ein Hoch auf alle, die diskriminiert werden!

 

VIERTER TEIL

 

Von den Vertre­terIn­nen der Bundesstaaten aus dem Südosten Mexikos

[…] Wir sind alle hier versammelt, weil wir sehen, dass der Kapitalismus Raub und Ausbeutung bedeutet. Der Ursprung all dieser Unterdrückungen ist das kapitalistische System, in dem eine Minderheit sich unsere Arbeit aneignet, unser Land, Wasser und unsere natürliche Ressourcen, unsere Gesundheit, unser Brot, unsere Wohnungen und unsere Bildung. […]

In der Anderen Kampagne organisieren wir uns, damit alle Personen, auf dem Land und in der Stadt, gemeinsam ein Land und eine Welt aufbauen, in der wir alle Obdach, Land, Arbeit, Schulbildung, ärztliche Versorgung und gute Ernährung haben. […]

Wir rufen dazu auf, uns zu organisieren, damit wir alle einen Platz haben, um in Würde leben zu können […]. Wir bitten nicht um einen Posten bei der Regierung und wollen uns auch nicht über irgend jemanden stellen. In der Anderen Kampagne versuchen wir, einen Platz im Kampf für die Befreiung aller Völker Mexikos und der Welt zu haben.

Gracias Compañer@s. Es leben alle Frauen und Männer, die für eine bessere Welt kämpfen! […]

 


 1 Aus: Die ersten anderen Winde, Zapatistische Armee der nationalen Befreiung, Mexiko, 2006, Online: 7.07.2009 http://projekte.free.de/bankrott/basta/c20060218.html

 2 Leichte Überarbeitung: Gruppe B.A.S.T.A., Übersetzung von Dana, Online: http://projekte.free.de/bankrott/basta/c20060702.html, Quelle: http://enlacezapatista.ezln.org.mx/la-otra-campana/370/ (Text + Audio)

 

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