PRIANs doppelter Handel

 

Der Konflikt in Oaxaca vor dem Hintergrund des mexikanischen Wahlausgangs

(Richard Runge) Im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca rebelliert die Bevölkerung seit Mai gemeinsam mit der LehrerInnengewerkschaft gegen die Regierung. Zentrale Forderung ist die Absetzung des korrupten und repressiven Gouverneurs Ulises Ruiz. Nach über vier Monaten basisdemokratischer Organisierung, Massendemonstrationen, Barrikadenkämpfen und zähen Verhandlungen mit der Zentralregierung fand Ende Oktober eine gewaltsame Intervention von Bundespolizei und Militär statt. Hintergrund dieser Entwicklung dürfte ein doppelter politischer Handel der (rechten) politischen Parteien gewesen sein: Zum einen ist offensichtlich, dass der in einer vor Unregelmäßigkeiten strotzenden Wahl im Juli neu „gewählte Präsident“ Felipe Calderón dringend auf die Partei von Ulises Ruiz angewiesen sein wird. Ein Bauernopfer konnte sich daher die neue/alte Regierung schlicht nicht leisten. Hinzu kommt, dass sie es offensichtlich vorzog, den amtierenden Präsidenten Vicente Fox mit blutigen Händen aus dem Amt scheiden zu lassen, anstatt mit der Niederschlagung des Armutsaufstandes von Oaxaca die Felipe Calderóns Präsidentschaft abzuwarten, dem ohnehin der Makel des vermuteten Wahlbetrugs anhaften wird. Währenddessen entlarvt sich die parteipolitisch organisierte „Linke“ als Farce: Sehr mit der Unterstützung des angeblich unterlegenen, jedoch „legitimen Präsidenten“ Andrés Manuel López Obrador beschäftigt, ist von ihr eine ehrliche Parteinahme für die aufständische Bevölkerung von Oaxaca nicht zu erwarten.

Seit Inkrafttreten der NAFTA-Freihandelsverträge im Januar 1994 hat sich die soziale Schere in México dramatisch geöffnet. Zu den eindeutigen VerliererInnen dieser Entwicklung gehört die überwiegende Mehrzahl der etwa 3,7 Millionen EinwohnerInnen des südlichen Bundesstaates Oaxaca. Die Region gehört neben Chiapas zu einer der ärmsten Méxicos (1). Die Wirtschaft Oaxacas steht auf zwei wackligen Beinen: Nachdem die meisten landwirtschaftlichen Produkte der lokalen ProduzentInnen nicht mehr mit US-Importen konkurrieren können bleibt eigentlich nur noch die krisenanfällige Tourismus-Industrie. Doch was hilft es der Mehrheit der Bevölkerung, dass die schmucke Altstadt der gleichnamigen Hauptstadt Oaxaca seit 1987 zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt? Auf dem Land gibt es über 650 ungelöste Landkonflikte. Etwa 80 Prozent der Landkreise und Gemeinden müssen ohne Trink- und Abwasserversorgung, öffentliche Beleuchtung oder geteerte Straßen auskommen. 73% der Bevölkerung müssen in extremer Armut leben. Ihr Einkommen reicht nicht zum Kauf des Grundwarenkorbes aus. Die Lebenserwartung liegt Jahre unter dem mexikanischen Durchschnitt. Ähnlich wie in Chiapas kann in Oaxaca mehr als ein Drittel der indigenen Bevölkerung weder lesen noch schreiben. Zwischen 200.000 und 250.000 EinwohnerInnen verlassen aus derartigen Gründen jährlich die Region und hoffen auf ein besseres Leben in den nördlichen Bundesstaaten oder den USA.

Vor diesem sozialen Hintergrund ging die Sektion 22 der LehrerInnengewerkschaft „Sindicato Nacional de Trabajadores de la Educación“ (SNTE, etwa „Nationale Gewerkschaft der ArbeiterInnen im Erziehungswesens“) in den Tarifkonflikt. Die Forderungen der zur offiziellen Gewerkschaft dissidenten Strömung ( 2 ) waren dabei allerdings nur teilweise tariflicher Natur: Die Einführung eines staatlichen Schulfrühstücks sollte der schlechten körperlichen Verfassung vieler SchülerInnen entgegen wirken. Auch die Lehrmaterialien sollten vom Staat gestellt werden, um Kinder aus armen Familien etwas weniger zu benachteiligen. Die im Gegensatz zu vergangenen Arbeitskämpfen neue und mit Abstand wichtigste politische Forderung der LehrerInnen war jedoch der sofortige Abtritt des oaxakenischen Gouverneurs Ulises Ruiz Ortiz von der Partido Revolucionario Institucional (PRI, Partei der Institutionellen Revolution). Die Vorwürfe gegen ihn sind mannigfaltig: Betrug bei seiner Wahl, Misswirtschaft bei öffentlichen Bauvorhaben (von denen gesagt wird, dass sie zudem das kulturelle Erbe der historischen Innenstadt von Oaxaca zerstören), Korruption sowie geistige Urheberschaft für mehrere politische Morde seit seinem Amtsantritt im Dezember 2004. Viele indigene Gemeinden hat Ulises Ruiz zudem gegen sich aufgebracht, indem er ihre nach traditionellen Sitten und Gebräuchen („usos y costumbres“) gewählten Vertretungen kurzerhand ab- und durch PRI-Funktionäre ersetzte. Kurz: Bei Ulises Ruiz handelt es sich um einen PRI-Gouverneur klassischen Stils.

Der Konflikt entwickelt sich

Um ihre Forderungen durchzusetzen, traten die LehrerInnen am 22. Mai 2006 in einen unbefristeten Streik und errichteten auf dem zentralen Platz (Zócalo) von Oaxaca-Stadt ein Protestcamp, welches die Regierung Ruiz am 14. Juni räumen ließ (siehe Kasten). Das brutale Vorgehen der eingesetzten Polizeieinheiten und die Tatsache, dass weite Teile der Bevölkerung von Oaxaca die Forderung nach dem Rücktritt von Ulises Ruiz unterstützten, riefen jedoch eine breite Solidarisierung der Bevölkerung hervor, so dass am Folgetag eine Wiederbesetzung des historischen Zentrums der Stadt gelang. Kurz darauf wurde die „Asamblea Popular de los Pueblos de Oaxaca“ (APPO, etwa „Volksversammlung von Oaxaca“) gegründet, der mittlerweile über 350 soziale und politische Organisationen angehören. LehrerInnen und APPO mobilisierten zu mehreren Massendemonstrationen („mega marchas“) in Oaxaca, an deren größter schätzungsweise eine halbe Million Menschen teilnahm ( 3 ). Ende September begaben sich mehrere Hundert Vertreter- Innen der Widerstandsbewegung auf einen dreiwöchigen Fußmarsch in das 500 Kilometer entfernte México- Stadt, um ihre Forderungen auch in der Bundeshauptstadt unmittelbar publik zu machen und die verzerrte Darstellung durch die meisten kommerziellen Medien zu unterlaufen.

Zum besseren Schutz der Streikenden vor der Ulises Ruiz unterstehenden Polizei und vor mit ihm bzw. der PRI sympathisierenden Paramilitärs verbarrikadierte die APPO im Verlauf des Konflikts die Innenstadt Oaxacas. Regierungsgebäude konnten besetzt werden und dienten der Bewegung als Infrastruktur. Nach dem Abtritt des verhassten Gouverneurs sollte die Stadt an die Behörden zurückgegeben werden. Einstweilen wurden Sicherheitsaufgaben innerhalb der Barrikaden durch die APPO selbst übernommen. Bezeichnenderweise kam es erst nach der Räumung der besetzten Stadt durch die Bundespolizei Policía Federal Preventiva (PFP) am 29. Oktober erstmals zu Plünderungen von Geschäften im Zentrum von Oaxaca durch Polizisten ( 4 ).

Während der Zeit des Aufstands organisierte die APPO ihre zahlreichen SympathisantInnen auf täglich abgehaltenen basisdemokratischen Plena. Über die Radiosender der Bewegung, „Radio Plantón“ und „Radio Universidad“, wurde nahezu rund um die Uhr über inhaltliche Fragen sowie diesbezüglich vertretene (kontroverse) Positionen berichtet. Schnell entwickelte sich die Diskussion weit über die ursprünglichen Forderungen der LehrerInnen hinaus: Es wurde begonnen, eine neue Verfassung für den Bundesstaat Oaxaca zu entwerfen. Ganz ähnlich der zapatistischen Idee des „gobernar obedeciendo“ („gehorchend regieren“) ist dabei die Grundidee, dass die Regierung und ihre Organe der Bevölkerung unterstehen sollen und nicht mehr andersherum. Über die inhaltliche Informationsaufgabe hinaus übernahmen die Radiosender aber vor allem eine wichtige Rolle bei der Koordination der Verteidigung der Barrikaden gegen die zunehmenden Angriffe von außen. Trotz ihrer höchst unterschiedlichen Zusammensetzung (LehrerInnen, Indígena-Organisationen, StudentInnen, ArbeiterInnen, anarchistische und kommunistische Gruppen, kirchliche Basisgemeinden, städtische und ländliche Gruppen ...) lie? sich die Bewegung dabei nicht spalten und blieb bei ihrem defensiven, nahezu pazifistischen Charakter.

Auf Bundesebene verheizt

Parallel zur beginnenden Diskussion über eine neue Verfassung fanden Verhandlungen zur Beendigung des Konfliktes statt, zunächst mit der Regierung von Ulises Ruiz selbst und, nachdem diese endgültig gescheitert waren, mit dem Bundesinnenminister, Carlos María Abascal Carranza. Die mexikanische Verfassung sieht die Möglichkeit vor, dass die Zentralregierung Gouverneure absetzen kann, wenn die sogenannte „öffentliche Ordnung“ nicht mehr gewährleistet ist. Obwohl die organisierte Bevölkerung von Oaxaca zum Erreichen ihrer Hauptforderung sowie zu ihrem Schutz vor den Paramilitärs mehrmals ausdrücklich darum bat, weigerte sich der zuständige Senat, dieses „Verschwinden der Macht“ („desapareción de poderes“) formell festzustellen und damit die Bundesregierung zu entsprechendem Handeln zu ermächtigen. Der von den rechten Parteien Partido de Acción Naciónal (PAN, Partei der Nationalen Aktion) und PRI dominierte Senat konnte sich nicht zu einer Absetzung des PRI-Mannes Ulises Ruiz durchringen. Lediglich die SenatorInnen der gemäßigt linken Partido de la Revolución Democrática (PRD, Partei der Demokratischen Revolution) wollten Ende Oktober die Existenz eines offensichtlichen „Machtvakuums“ nicht mehr ignorieren. Eine öffentliche Mobilisierung der PRD folgte daraus jedoch noch lange nicht.

Hintergrund der Mehrheitsentscheidung des Senats ist ein zutiefst bundespolitischer: Die Präsidentschaftswahlen im Juli hatte der PANKandidat Felipe de Jesús Calderón Hinojosa nicht eindeutig für sich entscheiden können und es hatte zahlreiche Hinweise auf Wahlbetrug gegeben (siehe Kasten). Im Parlament ist die PRD mittlerweile die zweitstärkste Kraft und der neue Präsident wird auf keine eigene Mehrheit bauen können. Um unter diesen Verhältnissen und angesichts der von Seiten der PRD infolge des vermuteten Wahlbetrugs angedrohten Blockadepolitik überhaupt regieren zu können, ist Felipe Calderón auf die Stimmen, der auf der Ebene einiger Bundesstaaten und im Parlament durchaus noch mächtigen PRI, angewiesen. Diese kann den Gouverneur von Oaxaca unter keinen Umständen fallen lassen, selbst wenn Teilen der Partei die Eskapaden von Ulises Ruiz doch noch zu bunt werden sollten. Das mexikanische Wahlrecht schreibt nämlich Neuwahlen vor, wenn ein Gouverneur nach weniger als drei Jahren im Amt abtritt. Angesichts des dramatischen Wahlverlustes der PRI in Oaxaca bei den Wahlen vom 2. Juni ist die Tatsache, dass Ulises Ruiz erst knappe zwei Jahre regiert, ein ernsthaftes Problem für die Partei.

Ein erstes Beispiel für die Höhe des Preises des Paktes zwischen PRI und PAN ist die Entscheidung des Senats, den PRI-Gouverneur nicht fallen zu lassen. Die de-facto-Koalition „PRIAN“ verheizt stattdessen lieber aus Parteiräson die aufständische Bevölkerung von Oaxaca. Von vielen BeobachterInnen wurde zudem schon früh befürchtet, dass der amtierende Präsident Vicente Fox Quesada noch vor der Amtsübergabe am 1. Dezember gewaltsam gegen die aufständische Bevölkerung von Oaxaca vorgehen würde. Zwar hatte der „gewählte Präsident“ Felipe Calderón in Interviews stets klar gemacht, dass er selbst den Konflikt mit Hilfe der für ihre Brutalität gefürchteten Bundespolizei PFP lösen würde. Schon in seiner Wahlkampagne hatte er keinerlei Zweifel an seiner ultrarechten Herkunft gelassen, wie seine Äußerungen zur „erfolgreichen Polizeiaktion“ in San Salvador Atenco im Mai dieses Jahres und seine Beleidigung der dortigen Vergewaltigungsopfer beweisen ( 5 ). Allerdings wird Calderón die Präsidentschaft ohnehin mit dem Makel des vermuteten Wahlbetrugs antreten müssen. Weite Teile der Bevölkerung versagen ihm ernsthaft die Anerkennung. Angesichts dieser Situation zog es die PAN vor, den Konflikt in Oaxaca noch von Vicente Fox „bereinigen“ zu lassen.

Der Vorwand dafür bot sich in Folge einer Mehrheitsentscheidung der LehrerInnen, am 30. Oktober den Unterricht nach über vier Monaten Streik wieder aufzunehmen, ohne allerdings von der Forderung nach dem Rücktritt von Ulises Ruiz Abstand zu nehmen. Die über Monate hinweg nicht bezahlten Gehälter und der Druck der zunehmend um die Bildung ihrer Kinder besorgten Eltern hatten ihre Wirkung gezeigt. Gleichzeitig mit der unter den LehrerInnen äußerst umstrittenen Entscheidung spitzten sich die paramilitärischen Angriffe auf die Barrikaden zu. Alleine am 27. Oktober wurden drei Menschen durch diesen „weißen Terror“ getötet. Es wird vermutet, dass sich die Bundesregierung am Folgetag auch deshalb zum Eingreifen entschloss, weil unter den drei Toten des Vortags mit einem Indymedia-Journalisten aus den USA auch das erste ausländische Todesopfer zu beklagen war. Die mindestens neun Toten, die die ständigen Angriffe der Paramilitärs bereits in den zurückliegenden Streikmonaten unter LehrerInnen und APPO-AktivistInnen gefordert hatten, wogen für den Präsidenten, der den Konflikt bis dahin stets als innere Angelegenheit des Bundesstaates Oaxaca betrachtet hatte, offensichtlich weniger. Nachdem am 28. Oktober PFP-Einheiten nach Oaxaca verlegt worden waren, wurde die Innenstadt am 29. Oktober von der Bundespolizei mit Luftunterstützung des Militärs geräumt. Auch hierbei sollen entgegen der Angaben des Innenministers drei Menschen getötet worden sein ( 6 ).

Offizielle Begründung der Regierung, die bis dahin in Oaxaca kein Verschwinden der Ordnung sehen wollte und nie vom paramilitärischen Terror, sondern immer nur von der Verletzung diverser Gesetze durch LehrerInnen und APPO gesprochen hatte, war, dass die Sicherheit der LehrerInnen und SchülerInnen vor der Wiederaufnahme des Unterrichts wieder hergestellt werden müsse. Tatsächlich spricht Vicente Fox seither in völligem Widerspruch zur Fruchtlosigkeit des Dialogs mit der Regierung, zur brutalen Räumung der Barrikaden und den Angriffen auf die Universität durch die Bundespolizei sowie zur realen Situation in der Stadt davon, dass in Oaxaca „der demokratische Dialog, die Suche nach Übereinkünften mit der Einsetzung der Ordnung und des Respekts vor dem Gesetz“ zusammenkamen. „Der Wert des Dialogs und die Übereinkunft waren fundamental dafür, dass wir bereits heute die Rückkehr des Friedens und der Ruhe an diesen Ort haben.“ ( 7 ) Der Zynismus des parteipolitischen Handels von PRI und PAN wird nur noch dadurch ge- steigert, dass seit November sehr wohl auch VertreterInnen der PAN den Rücktritt von Ulises Ruiz fordern.

Scheinheilige „Linke“

Nachdem die blutige „Lösung“ des Konfliktes in Oaxaca der PRIAN-Koalition anzulasten ist, stellt sich die Frage, wie sich die parteipolitisch in Form der PRD organisierte mexikanische „Linke“ verhält. Tatsächlich regt sich auch hier seit der Räumung von Oaxaca Stadt Betriebsamkeit. Der beim unklaren Wahlausgang nur äußerst knapp gescheiterte Präsidentschaftskandidat Andrés Manuel López Obrador polterte medienwirksam, „wir können nicht die Arme verschränken, während andere Mexikaner unterdrückt werden, die friedlich für Demokratie und Gerechtigkeit kämpfen“ ( 8 ), und rief persönlich für den 31. Oktober zu einer Demonstration in México-Stadt auf. Am 29. Oktober (dem Tag der Räumung) hatte die PRD-nahe Convención Nacional Democratica bereits eine Demonstration mit mehreren Tausend TeilnehmerInnen durchgeführt. Diese Aufgeregtheit kontrastiert deutlich das Verhalten der PRD vor der von allen inwie ausländischen BeobachterInnen schon wochenlang befürchteten Räumung. In dieser Zeit hüllten sich PRD und López Obrador (wie bereits im Mai zu Atenco) in öffentliches Schweigen. Chefsache waren zu diesem Zeitpunkt die Wahlen in Tabasco, dem Heimatstaat von López Obrador.

War die PRD zu keiner weitergehenden Solidarisierung mit einer sozialen Bewegung in der Lage? Hat sie einfach keine mobilisierbare Basis, die auf Demonstrationen im ganzen Land ein Ende der Aggression gegen die soziale Bewegung in Oaxaca hätte einfordern können? Ist die PRD nach der verlorenen Präsidentschaftswahl vom 2. Juli so geschwächt, dass sie keinerlei Druck mehr auf Bundesoder Länderregierungen ausüben kann? Weit gefehlt! Die PRD und ihre SympathisantInnen sind fähig zu konzertierter Aktion und nicht nur in der Lage, an der politischen Debatte in México teilzunehmen, sondern sie sogar zu bestimmen. Genau dies hat die Koalition „Por el Bien de Todos“ („Zum Wohle aller“) aus PRD, Partido del Trabajo (Arbeitspartei, PT) und Convergencia Nacional (Nationale Konvergenz) in dem Vierteljahr seit dem vermuteten Wahlbetrug erfolgreich bewiesen.

Als sich nämlich die Indizien für massive Unregelmäßigkeiten zugunsten des PAN-Kandidaten Felipe Calderón verdichteten, hatte sich eine breite Bewegung zur Unterstützung von López Obrador zu formieren begonnen. Neben unzähligen Kundgebungen und Demonstrationen im ganzen Land, fanden in México-Stadt in kurzer Folge drei „mega marchas“ statt, die größte Demonstration mit schätzungsweise bis zu 2,5 Millionen TeilnehmerInnen. Auf der letzten dieser Großdemonstrationen rief López Obrador seine AnhängerInnen Ende Juli zur Bildung von Protestcamps („plantones“) im historischen Zentrum von México-Stadt auf, die die 32 Bundesstaaten und die 15 Regierungsbezirke von México-Stadt symbolisieren sollten. Noch in der gleichen Nacht wurden die ersten Zelte aufgeschlagen und die zentrale Verkehrsader Paseo de la Reforma besetzt. Aus dem gesamten Land brachen in den folgenden Tagen UnterstützerInnen von López Obrador auf und schlossen sich den bis zuletzt absolut friedlichen Protesten an. Die Parlamentsfraktion der PRD agierte geschlossen als parlamentarischer Arm der Protestbewegung. Beispielsweise verhinderte sie erfolgreich die Verlesung des sechsten und letzten jährlichen Rechenschaftsberichts durch den scheidenden Präsidenten Vicente Fox im Parlament: Über 100 Abgeordnete hatten kurzerhand das Podium besetzt, um gegen die polizeistaatliche Abriegelung des Gebäudes gegenüber DemonstrantInnen zu protestieren. Ähnliches wird für den Tag der Amtseinführung von Felipe Calderón erwartet.

Am 16. September dem Unabhängigkeitstag führten die UnterstützerInnen von López Obrador auf dem Zócalo von México-Stadt unter Beteiligung von mindestens 750.000 Delegierten aus allen Bundesstaaten die „Convención Nacional Democratica“ (etwa „Demokratische Nationalversammlung“, CND) durch. Neben der Verabschiedung eines politischen Programms wurde darüber abgestimmt, ob Andrés Manuel López Obrador zukünftig „legitimer Präsident“ oder „Anführer des Widerstandes gegen den Wahlbetrug“ sein solle. Nach sehr eindeutigem Votum wird López Obrador nun während einer Zeremonie am 20. November (Jahrestag der Revolution) als „legitimer Präsident“ „vereidigt“ werden, knapp zwei Wochen vor dem „gewählten Präsidenten“ Felipe Calderón.

Das langfristige Ziel der CND besteht in nichts Geringerem als einer „Neugründung der Republik“ unter Berücksichtigung der Interessen „derer von unten“. Allerdings stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit dieses Unterfangens, wenn, wie in Oaxaca, keinerlei rechtzeitige und glaubwürdige Solidarität mit konkreten sozialen Kämpfen geübt wird. Alle Indizien deuten darauf hin, dass es der PRD und den ihr nahestehenden (oder untergeordneten) Massenorganisationen schlicht am Willen fehlte, rechtzeitig in Oaxaca zu intervenieren. Dass die PRD nun nach der blutigen Räumung von Oaxaca anfängt zu „protestieren“, ist ein sehr verlogenes Schielen auf die Sympathie der sozialen Bewegungen und der eigenen Basis. Der „legitime Präsident“ Andrés Manuel López Obrador hat sich als unumschränkte Führungspersönlichkeit seit dem 2. Juni stets als Volkstribun der Armen darzustellen versucht. Angesichts des offensichtlichen Missverhältnisses zwischen seinen kategorischen Sprüchen und den tatsächlichen Taten seiner Partei kann er jedoch nur noch als zynischer Polit-Clown bezeichnet werden, dem sein messianischer Geist zu Kopfe gestiegen ist.

 

( 1 ) Die meisten Angaben zur sozialen Situation in Oaxaca sind folgendem Bericht entnommen: Mision Civil de Observación: Informe Preliminar: „Violaciones a derechos humanos en Oaxaca. Del paro magisterial a la movilización popular“, Sept. 2006,
http://www.centroprodh.org.mx/Publicaciones/Informes/index_infor.htm

( 2 ) Die Mehrheitsströmung der LehrerInnengewerkschaft SNTE gehört zu den korruptesten Erscheinungen, die die mexikanische Gewerkschaftslandschaft zu bieten hat: Die Gewerkschaftsführung ist größtenteils noch immer aufs Engste mit der ehemaligen Staatspartei PRI verflochten, die Vorsitzende Elba Ester Gordillo Morales pflegt einen diktatorischen Führungsstil und mit Festanstellungen für LehrerInnen wird regelrecht gehandelt. Gegen derartige Auswüchse gründete sich schon 1979 die Strömung “Coordinadora Nacional de Trabajadores de la Educación” (CNTE, etwa “Nationale Koordination der ArbeiterInnen im Erziehungswesens”), die mittlerweile vor allem die Sektion 22 der SNTE (Oaxaca) dominiert.

( 3 ) In der Stadt Oaxaca selbst leben nur etwa 500.000 Menschen.

( 4 ) “Policías Federales saquean y defecan en comercios del zócalo oaxaqueno”, La Jornada vom 31.10.06
http://www.jornada.unam.mx/2006/10/31/index.php?section=politica&article=005n1pol

( 5 ) Am frühen Morgen des 4. Mai hatten über 3.000 Polizisten die Kleinstadt im Bundesstaat México überfallen, um einige Kollegen zu befreien, die am Vortag von DemonstrantInnen gefangen genommen worden waren. Im Verlauf der völlig überzogenen Polizeiaktion waren wahllos Häuser gestürmt, BewohnerInnen verprügelt und Einrichtungen zerstört worden. 30 von 47 festgenommenen Frauen waren in Polizeihaft sexuell gefoltert und vergewaltigt worden. Eine juristische Aufarbeitung der Vergewaltigungsvorwürfe fand “mangels Beweisen” bisher nicht statt.

( 6 ) “Violenta toma de Oaxaca; tres muertos”, La Jornada vom 30.10.06
http://www.jornada.unam.mx/2006/10/30/

( 7 ) “Según Fox, Oaxaca ya recuperó la paz sozial, gracias al diálogo y el acurdo”, La Jornada vom 31.10.06
http://www.jornada.unam.mx/2006/10/31/index.php?section=politica&article=012n1pol

( 8 ) “La toma de Oaxaca profundiza la crisis y la ingobernabilidad: AMLO”, La Jornada vom
http://www.jornada.unam.mx/2006/10/31/index.php?section=politica&article=023n1pol

Protestcamp auf dem Zocalo

Protestcamp auf dem Zocalo Mexico D.F.


(Richard Runge)
Der Konflikt in Oaxaca vor dem Hintergrund des mexikanischen Wahlausgangs
Erschienen in: Info-Blatt 69  des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2006

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