Siehe auch:

Widerstand gegen Wasserprivatisierung und Staudammprojekte Bericht vom El Salvador-Bundestreffen 2006 in Leipzig

Interview mit Luis Rivera, Aktivist aus San Antonio del Mosco, El Salvador im Widerstand gegen das Staudammprojekt „El Chaparral“

Luis, du bist hier in Deutschland auf einer Rundreise, um uns über den Widerstand gegen ein Staudammprojekt zu informieren. In welcher Situation befindet sich deine Gemeinde?

Ich komme aus der Gemeinde San Antonio del Mosco in San Miguel, sie wird die erste Gemeinde sein, die von dem Staudammprojekt „El Chaparral“ betroffen sein wird, das sie am Río Torola bauen wollen. Aber es werden auch die Gemeinden Carolina, San Luis de la Reina, San Gerardo, Nuevo Edén de San Juan betroffen sein. In der Gemeinde, aus der ich komme, herrscht extreme Armut, wir säen Mais und Bohnen, aber es langt nur für eine kurze Weile für uns selber, wir können nichts auf dem Markt verkaufen, weil es nicht genug ist. Und wenn sie den Staudamm eröffnen, werden die Leute ihre Ernte nicht mehr von den Feldern holen können, weil sie vom Stausee überschwemmt sein werden.

Wann habt ihr von diesem Projekt erfahren?

Vor einigen Jahren, als Vertreter der CEL (Comisión Ejecutiva Hidroeléctrica del Rio Lempa, Energieversorger, der das Staudammprojekt betreibt, Red.), gekommen sind und den Bau eines Staudamms angekündigt haben, begann der Kampf gegen das Projekt. Der Baubeginn wurde mehrmals verschoben und heute sagen sie, dass er 2007 beginnen wird und dass sie den Stausee 2009 füllen werden.

Wie ist denn die rechtliche Situation? Haben die Leute Besitztitel über ihr Land?

Das ist das große Problem, denn die meisten meiner Leute haben keine Urkunde, die belegt, dass ihnen das Land gehört, auf dem sie leben. Sie haben das Land von ihren Eltern geerbt, und die wieder von ihren Eltern, aus alter Zeit, usw. Es gibt Leute, die leben da schon über 50 Jahre, aber sie haben kein Dokument. Deswegen berücksichtigen sie diese Bevölkerung überhaupt nicht. Und weil die Leute so arm sind, können sie sich die Dokumente auch nicht besorgen.

Wie organisiert ihr euren Widerstand?

Der Widerstand organisiert sich bei uns rund um einen Pfarrer, Padre Antonio Confessor Carballo, der auch mit der Organisation CESTA (Centro Salvadoreño de Tecnología Apropiada, Umweltschutzorganisation, Red.) aus San Salvador zusammenarbeitet. Die Leute von CESTA beraten uns, wie wir dieses Projekt aufhalten können, außerdem unterstützen uns Gruppen aus Honduras, Chalatenango und Sonsonate (die auch von Staudammprojekten betroffen sind, Red.). Denn unsere Leute werden nichts von dem Staudamm haben, sie werden nur die Folgen tragen müssen. Es gibt bei uns zwar ein Stromnetz, aber die meisten Leute können sich keinen Anschluss leisten, weil sie zu arm sind. Der Strom ist für andere Länder gedacht, nicht für uns in El Salvador. Und deswegen bin ich auch hier in Deutschland, um Informationen zu verbreiten und damit wir uns nicht alleine fühlen. Durch die Kontakte mit anderen Organisationen und mit Leuten aus anderen Ländern werden die Herren der CEL schon merken, dass es ein harter Widerstandskampf ist. Diese Reise war sehr wichtig für uns, und wir werden dies in allen Dörfern auch erzählen, so werden die Leute noch aktiver und unser Kampf gegen das Projekt wird noch erfolgreicher werden.

Und was macht die CEL, was bietet sie an?

Sie sagen, dass die, die ihr Land verlassen, Häuser bekommen werden, dazu eine Schule, eine Kirche, einen Park. Aber damit wollen sie uns hinters Licht führen, denn wir wissen, was zum Beispiel die Leute am Rio Lempa durchgemacht haben (als dort ein Staudamm gebaut wurde, Red.). Außerdem ist dieser Plan nur für 60 bis 70 Familien gemacht – der Rest der betroffenen Bevölkerung ist nicht berücksichtigt, und insgesamt werden weit mehr Familien betroffen sein, ungefähr 11000 Personen. Deswegen sagen wir „Nein“. Wir wissen, dass sie nicht halten werden, was sie uns versprechen. Bieten sie auch Geld? Sie kommen und bieten den Leuten an, ihr Land zu kaufen, also den Leuten, die auf der Seite der Regierung sind, auf Seiten von ARENA. Doch was sie zahlen wollen, das ist nur ein Bruchteil dessen, was das Land jeweils wert ist. Es gibt ein paar, die das Geld angenommen haben. Aber die Mehrheit der Leute hat nicht verkauft. Und gleichzeitig wird uns gedroht: Wenn ihr nicht geht, dann wird euch eben das Wasser vertreiben.

Und hat die Regierung auch schon versucht, den Widerstand mit Gewalt zu unterdrücken?

Ja, zum Beispiel als es im September dieses Jahres eine öffentliche Anhörung des Umweltministeriums gab. Schon am Vorabend kamen einige Sicherheitsleute, und am Tag der Anhörung kam dann ein Bus, voll mit 100 Polizisten, um die Leute einzuschüchtern. Und die Leute waren dann auch erstmal sehr verängstigt. Die öffentliche Anhörung sollte in der Casa Comunal stattfinden. Und obwohl nur 70 Leute eingeladen worden waren, befanden sich an die 400 Leute in dem Saal, weil der Priester über ein Bürgerradio, das wir dort hören, das Radio Segundo Montes, die Leute aufgefordert hatte, zu kommen. Die Leute vom Umweltministerium und der CEL haben die Anhörung dann durchgeführt, aber sie fühlten sich ziemlich unsicher. Denn als all die Campesinos ihre Fragen stellten, konnten sie nicht gut antworten. Und der Priester hat dann gehandelt und die Versammlung einfach beendet, indem er gesagt hat: Wenn sie auf die Fragen nicht antworten, dann können wir die Anhörung gleich beenden. Und so geht der Widerstand weiter.

Und was sind die nächsten Schritte?

In San Luis de la Reina haben wir dieses Jahr zum Beispiel noch ein Forum, drei Tage lang, und es wird mein Stolz sein, dort so viele Leute wie möglich aus meiner Gemeinde hinzubringen, damit sie sehen, dass wir viele sind. Der Widerstand wird wachsen. Der Priester wird massiv bedroht, aber davon lässt er sich nicht abbringen. Ich bin ein einfacher Bauer. Aber ich bin sehr bewegt davon, dass ich hier sein und meine Erfahrungen hier mit anderen teilen kann. Und ich weiß, dass sie zu Hause auf mich warten, und wissen wollen, wie die Reise war. Ich komme am Montag wieder in El Salvador an und am Mittwoch gibt es eine Versammlung, wo ich den anderen erzählen werde, wie es auf der Reise war, und ich werde erzählen, dass ich viele Leute getroffen habe und dass wir Unterstützung bekommen werden in dem Kampf, in dem wir stecken.

Mit Dank an Lateinamerika Nachrichten, die das Interview geführt haben!

Luis Rivera

Luis Rivera in Leipzig

 

(Lateinamerika Nachrichten)
Interview mit Luis Rivera,Aktivist aus San Antonio del Mosco, El Salvador im Widerstand gegen das Staudammprojekt „El Chaparral“
Erschienen in: Info-Blatt 69  des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2006

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